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Home IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel Der kleine Hochsee Erscheinung des Schwarzwasserthals und seiner Gebirge
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel

Aufschluss der Kare; die Scharte "Am Balken"

Im Süden waren neue Berggestalten vor mir aufgetaucht, ein zackiger Kranz unbekannter Felsengipfel, augenscheinlich noch weit zurückstehend, den höchstgelegenen, noch nicht völlig sichtbaren Schnee- und Trümmerbecken des Kars Raum gebend. Zur Linken stand mir der Fuchskarspitz, eine schroffe Pyramide, an deren Südseite die weitere Felsenumrahmung des Bergkessels unmittelbar sich anzuschliessen schien. Ich war einigermassen in Verlegenheit, wo ich den Gratübergang "Am Balken" zu suchen haben würde, denn hier zeigte sich noch nichts, was einem Uebergangspunkte auch nur entfernt ähnlich sah. Jedenfalls musste ich behufs der Orientirung noch weiter in's Innere vordringen. Ich stieg daher zum Seeufer hinab und hätte ich hier gewusst, was ich später wahrnahm, so hätte ich mein Ziel, den Hochvogel, bereits ein erstes Mal erblicken können; hart über den Zacken des Umrahmungsgrates zegit sich sein Gipfel mit dem Kreuze; der Unerfahrene wird, wenn er letzeres überhaupt bemerkt, dasselbe jedenfalls für auf dem Grat stehend ansehen.

Längs das plätschernden Wässerchens, das in den Seespiegel sich verliert, stieg ich das schwachbegrünte Gehänge gegen Süden hinan; nach einer Viertelstunde öffneten sich weitere Aussichten. Die volle Entwicklung des abgrenzenden Hauptgrates stand mir vor Augen; sein weiter Bogen vom Fuchskarspitz bis an den Ablösungspunkt des Wiedemer wird durch eine mittlere, kürzere Gratverzweigung in zwei Becken geschieden, beide kahl und öde, mit zahlreichen, theilweise vielleicht perennirenden Schneefeldern: rechts das "Obere Thal", links das "Kalte Kar".

Die Wände dieses Zwischenkammes waren es gewesen, welche in unmittelbarem Anschlusse an den Fuchskarspitz dort jeden Weiterweg zu versperren schienen. Nun waren sie zurückgetreten, eine neue Einbuchtung öffnete sich gegen Osten, und wenige Schritte noch über das Getrümmer ihres Bodens, da zeigte sich ihr naher Abschluss auf dem Hauptgrate; mit Rasenpäckchen besetzte Geröllhänge ziehen sich flachem Sattel sich hinan, auf welchem kirchthurmartig eine isolirte, etwa 60' [20 m] hohe Felssäule sich erhebt — der Balken. Und von dieser scharf ausgeprägten Uebergangsstelle hatte ich von früheren Besuchern des Hochvogel keine bessere Beschreibung erhalten können, als die einer "Scharte im Grat, der aber noch viele andere Scharten habe." Ist's doch, als ob die Leute bezüglich ihrer Gebirtsorientirung mit Blindheit geschlagen wären. Hier findet das typische "Führer unbedingt nöthig" der Reisehandbücher seine rechtfertigende Illustration!


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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