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Home IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel Zum Sätteli; Anblick des Hochvogels und des Kalten Winkels Auf der Scharte des Kalten Winkels
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel

Zur Charakteristik des Firnfeldes; ein ungefährliches Abenteuer.

Lediglich der üble Ruf dieses Schneefeldes veranlasste mich, etwas genauer dasselbe zu betrachten, als ich unter anderen Umständen gethan haben würde; denn ungewohnt, wie manchem Touristen, der den Hochvogel besucht, waren mir derartige Erscheinungen keineswegs; war es ja doch bereits im zweiten Jahre, dass ich meine Bergwanderungen mit dem Monate Mai begann und halbe Tage lang auf Schnee, an der steilen Böschung die Fussstapfen austretend, umhergestiegen war, wo ein paar Monate später trockener Boden zu finden gewesen wäre. Nun hatte ich einmal ein unvergängliches Schneefeld vor mir, das machte jedoch in seiner Behandlung natürlich keinen Unterschied.

Ich stieg vom Grate des Sätteli hinunter, querte noch ein paar Trümmerfelder unter den Mauern des Kreuzspitzes und trat von diesen auf den Schnee über. Lange Strecken konnte ich ohne jedes Stufentreten zurücklegen, hatte auch noch einige Geröllschütten mitten im Schneefelde zu meiner Verfügung, welche ich jedoch des unangenehmen Steigens im zurückweichenden Schotter wegen bald wieder verliess. Allmählich begann die Steile sich zu mehren, Stufe um Stufe musste sorgfältig ausgestossen werden, was im aufgeweichten Schnee ohne allzu grosse Mühe bewerkstelligt werden konnte; ich hielt mich, anstatt in der üblichen Weise eine zweifache schräge Querlinie durch das Schneefeld zu beschreiben, fortwährend nahe den Wänden des Hochvogel, wo die mit Neuschnee erfüllte Bergkluft mir ein rascheres Aufwärtsdringen verstattete. Als ich aber einige Löcher und Unterhöhlungen in dieser Ausfüllung bemerkte, schien mir die Lage nicht mehr geheuer und ich kehrte lieber auf die Schneelehne selbst zurück. Von den Mauern des Hochvogel, beziehungsweise seines nördlichen Nebengipfels einer- und den zackigen Schrofenwänden des Kreuzspitzes andererseits auf 50-60 Schritte Breite eingeengt, besitzt die Gasse hier ihre beträchtlichste Steigung, die sich auf durchschnittlichen 40°, gegen ihr Ende vielleicht auf 45° belaufen mag; die Länge dieser steilen Strecke mag etwa 100 Schritte betragen. Dies ist auch der einzige Theil des Schneefeldes, welcher in seiner Ummauerung vor den Sonnenstrahlen genügend geborgen liegt, um einen wirklichen Gletscher zu bilden, der in besonders heissen Sommern, wenn aller Schnee weggeschmolzen, als blaue Eismasse erscheint. Dann mag die Ersteigung schwierig und nur mittelst Stufenhauens zu bewerkstelligen sein, auch wäre ein Abgleiten auf der, wenngleich kurzen, Eislehne, wohl von schlimmen Folgen begleitet.

Ich sah im Herbste 1869 den Hochvogelgletscher in diesem Zustande von der Lailach aus, müsste mich aber sehr täuschen, wenn nicht der eine Saum desselben sich damals vom Fusse der Felsmauern ganz zurückgezogen gehabt hätte und man sonach zu jener Zeit auf trockenem Boden zum Gratsattel hätte emporsteigen können. Immerhin bleibt es rathsam, zur Hochvogelbesteigung die frühere Sommerszeit zu wählen, wo man sicher ist, das Firnfeld noch schneebedeckt zu treffen. Die Touristen im Algäu und ihre Führer thun aber das gerade Gegentheil. Den Fall einer schneefreien Gletscherfläche ausgenommen, ist Alles was über die Gefährlichkeit des "Kalten Winkels" erzählt wird, in's Reich der Dichtungen zu verweisen. Ein Abgleiten auf dem Schneefelde kann Keinem, der sich ruhig verhält, und der Fahrt ihren Lauf lässt, den geringsten Schaden zufügen, da das Schneefeld in einer ganz ebenen Mulde ausläuft; von einer Wand, die als Sensationsmoment gewöhnlich mit in die Beschreibung gezogen wird, ist keine Rede.

Anfangs September 1874 kam ich aus meinem damaligen Excursionsgebiete im Wettersteingebirge auf ein paar Tage in's Algäu herüber, um einen Freund auf den Hochvogel zu führen. Wir trafen den Kalten Winkel noch schneebedeckt und beschlossen im Rückwege über denselben abzufahren. Ich vermuthete im Voraus, dass die Sache nicht zum Besten ausfallen werde, konnte aber in einem allenfalsigen Misslingen ganz und gar keine Gefahr erblicken und fuhr, nachdem ich Freund H. angewiesen, wenn er niedergerissen werde, nur ruhig liegen zu bleiben und nicht viel zu zappeln, voran. Es ging dahin, dass mir die Luft um die Ohren pfiff und während der ersten Sekunden glaubte ich in der That nicht auf den Füssen bleiben zu können; während ich aber im besten Schusse war, flog ein Bergstock und hintennach Freund H. auf dem Rücken liegend an mir vorüber; der Hut tanzte boshafter Weise schräg über das Schneefeld und verschwand in der Bergkluft am Kreuzspitz, aus welcher ich ihn übrigens wieder hervorholen konnte. Ausser einigen Defecten an Kleidungsstücken, schneegefüllten Aermeln u. dergl. war kein Unheil geschehen. Dies zur Beruhigung künftiger Hochvogelbesucher.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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