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Home IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel Sturmconcert, Mond- und Wolkenbilder Aussicht; die Hornbacher Berge
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel

Ein fernes Gewitter. Morgengrau; Sonnenaufgang; Kampf des Lichtes mit den Nebeln

Der Mond sinkt unter den Horizont, dichteres Dunkel umfängt meine Felseninsel im Luftocean, schwärzer noch als die Nacht zeichnet der Umkreis des Gebirges am Himmel sich ab; über die massigen Thürme der Hornbacher Kette leuchtet Gewitterschein, ferne im Süden. Mit dickem Frühnebel füllen sich die Thäler; bald fliegen sie herauf, die Berghäupter einhüllend, bald wieder sinken sie bleiern zurück in die Tiefe. Durch ihre Lichtungen zeigt sich ein heller Streif im Osten, es naht der Tag, der Sonnenball, den ich hinter den Schweizer Bergen niedergehen sah, schickt sich an, über die Zackengipfel der Rothen Flüh [Kellespitze???] wieder emporzusteigen. Nebelgrau ist dort der Himmel und nebliger Dunst umfängt mich von allen Seiten, selten nur einen Blick auf die benachbarten Berge gestattend. In senkrechter Höhe über mir aber ist der Schleier durchsichtig und an dem Verbleichen der hellleuchtendsten Gestirne erkenne ich den Anbruch des Morgens.

Ich verlasse mit hartes Lager mit steifen und erstarrten Gliedern und setze mich auf einen grossen Block am Rande der Grube. Noch immer fliegen die Nebel aus dem Berggündlesthale [Bärgündele-Tal] über den Kreuzspitz herüber und wandern in langen Zügen das Hornbach- und Schwarzwasserthal hinaus zum Lech; auseinanderbrechend zeigen sie den Morgenhimmel in wachsender Helle und langsam erscheint dort die glutrothe Sonnenscheibe, auf dem zahnigen Haupte des Kellerschrofen sich wiegend. Höher und höher steigt sie im Nebeldamme auf, bald treffen ihre glänzenden Strahlen auf die Dunstmassen, die ringsumher die Thäler erfüllen. Da entspinnt sich der Kampf des wiedererschienenen Lichtes und der Wärme, die es mit sich bringt, gegen die feuchten Nebel, welche ihr Gebiet Schritt für Schritt vertheidigen, von den Höhen in die Thäler, in diesen bis zu ihren verborgensten Winkeln zurückweichen, während einzelne Schichten und Ballen aus ihnen wie im verzweifelten Widerstande an den Schattenseiten der Gebirge sich emporbäumen, um in der Höhe des Grates, von den lebendigen Strahlen getroffen, um so schneller zu zerstieben. In Kurzem waren die Thäler des Hornbachs und Schwarzwassers von ihren Dünsten gesäubert, über dem Berggündlesthale [Bärgündele-Tal] lag noch ein milchweisses Nebelmeer, aus welchem nur der Schnecken neugierig sein blätterdünnes Felsenhaupt hervorstreckte. Licht war's geworden, in klarer Helle lag das weite Aussichtsbild vor mir, das Tags zuvor in räthselhaftem Düster zu meinen Füssen sich hingebreitet hatte.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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