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Home IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel Der Hochvogel – das Ideal einer Berggestalt [1869] Das Berggündelesthal [Bärgündelestal] und die Berggündelesalpe [B.-ergänzen!]
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel

Nach Hindelang und Hinterstein; ein seltsamer Plan

Mit reinstem blauen Himmel brach der folgende Tag heran, die fernsten Gebirgsketten standen klar und scharf vor Augen, wie mit einem Zauberschlage war der bleierne Höhenrauch aus dem Thale verschwunden. Das war Hochvogel-Wetter; ich säumte auch nicht lange, die genagelten Schuhe und den Bergstock hervorzuholen, den Rucksack zu packen und die erst neu erhaltenen Steigeisen daran zu schnüren. Im schnellsten Marschtempo ging's in's Ostrachthal hinein über Hindelang nach Hinterstein, wo kurze Mittagsrast gehalten wurde. Bis hierher hatte lediglich die Ungeduld mich getrieben; ich konnte es kaum erwarten, dem vielgenannten Gipfel nahe zu kommen, von dessen gefährlichen Absonderlichkeiten die Leute draussen so viel zu erzählen wussten. Die Scharte "am Balken", wo man auf die Schwarzwasserseite übertreten sollte, ein Weg, der mir in der pythischen Ausdrucksweise beschrieben worden war "man muss ihn eben genau kennen" — das Eisfeld, über welches man Stufen hauen müsse (ich glaubte es zwar nicht, hatte aber Vorsichtshalber doch eine Hacke bei mir) — die Kluft, welche das Felsenmassiv des Gipfels mitten durchreisse, und welche nur an einer einzigen Stelle durch einen gewagten Sprung übersetzt werden könne, — das waren lauter Dinge, die meine Neugierde in hohem Grade anregten und mit ungewohnter Hast meine Schritte vorwärts trieben.

Während des frugalen Mittagessens zu Hinterstein nun begannt erst ruhigere Ueberlegung Platz zu greifen und aus dem bunten Wirrwarr der Gedanken, die im Kopfe hin und her schossen, ein fester Plan sich herauszukrystallisiren. Wollte ich in ordnungemässer Weise die Tour auf den Hochvogel in Ausführung bringen, d. h. auf der Berggündele Alpe [Bärgündele-?Alp?] übernachten, wozu dann die Eile? Dorthin hatte ich von Hinterstein noch 3 Stunden Weges, weiterhin gab es überhaupt keine Alpe mehr, wo ich hätte übernachten können. Aber ein Bivouak unter freiem Himmel? das liesse sich hören, und wenn's denn unter freiem Himmel sein soll, je näher dem Gipfel, um so lieber. Ich erinnerte mich, gehört zu haben, dass die österreichischen Ingenieure während der Gebirgsvermessungen ein paar Tage lang auf dem Hochvogel campirten, eine Höhle unterhalb des Gipfels habe ihnen Zuflucht geboten. Nun, das konnte ich ebenfalls versuchen, und für eine Nacht liess es sich wohl auch ohne Brennholz und sonstigen Apparat aushalten. ich ging also auf nichts Geringeres aus, als noch am gleichen Tage, dessen späte Vormittagsstunden mich von Sonthofen hatten abziehen sehen, den Gipfel des Hochvogel zu erreichen – und der Zeitberechnung nach – 3 Stunden von Hinterstein zur Berggündele-Alp [Bärgündele-?Alp?], von dort auf den Hochvogel 5 Stunden, von welchen ich eine abzustreichen mir erlaubte –, lag dieses in der That nicht ausserhalb des Möglichkeitsbereiches.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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