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Home IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel Nach Hindelang und Hinterstein; ein seltsamer Plan
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel

Der Hochvogel – das Ideal einer Berggestalt [1869]

Oft schon hatte ich von beherrschender Gipfelhöhe sie erblickt, die unvergleichlich grossartige Pyramide, mit ihrem schlanken Haupte, ihren regelmässig gebauten Schultern, den Namen rechtfertigend, den sie seit alten Zeiten führt; taucht sie empor vor dem Wanderer inmitten des Kreises ihrer Felsentrabanten, so luftig klar, so kühn in den Himmel hineinstrebend, wohl möchte man besorgen, dass im nächsten Augenblicke der Riesenvogel seine Fittiche entfalten und sich aufschwingen werde in den blauen Aether. Und nur auf den freien Höhen der Berge wird der Besucher der Algäuer Alpen dieses Anblickes gewürdigt; hartnäckig entzieht dieses ihr erhabenstes Bild sich den Augen des bequemen, an die Talstrasse sich haltenden Touristen*).

*) Dem Thalwanderer am nächsten bietet das Bild des Hochvogel sich auf der Strasse von Hindelang nach Ober-Joch; man hat vom Austritte der Strassen auf die Wiesen von Ober-Joch nur etwa 10 Minuten lang am linksseitigen Berghange aufzusteigen, um durch den Einschnitt des Ostrachthals die schlanke Pyramide zu erblicken.

Lange Wochen war der Hochvogel das Ziel meines Sinnens und Trachtens gewesen; lange hielt mich schlechte Witterung von ihm zurück. Auf die Regen- und Schneetage der zweiten Hälfte des Juni folgte Anfangs Juli trockenes Wetter mit dem eigenthümlichen Höhenrauche, der viele Tage hinter einander den Himmel bleigrau überzog und kaum die nächsten Gebirge in unbestimmten Linien durchschimmern liess; einen Aussichtspunkt von dem Range des Hochvogel mochte ich unter diesen Umständen doch nicht besuchen, kam ihm während dieser Tage aber einmal sehr nahe; der 11. Juli [1869] sah mich im hintersten Oythale, auf dem Grossen Wilden, dem Schnecken, dessen vielberufene Gefährlichkeit sich auf eine einfache Schwindelpassage reduzirte, worauf ich durch's Berggündele- [Bärgündele-] und Ostrachtal hinauswanderte, am gleichen Abende noch zur oberen Taufersalpe am Wildsee emporstieg, am 12. früh das Kugelhorn und Rauhhorn besuchte und Mittags in Sonthofen wieder eintraf. Eine Woche später hatten die atmosphärischen Zustände sich noch keineswegs gebessert; am 18. wanderte ich in's Gunzesrieder Thal, stieg mit geringem Erfolge an Aussicht auf das Rindalpenhorn und den Fanach und kehrte über die Balderschwanger Berge nach Sonthofen zurück. Schwere Wolken hatten sich den Tag über längs des Hochgebirges zusammengeballt, nach Sonnenuntergang aber lüftete eine Schicht derselben nach der anderen sich zu immer zarteren, rosigen Flöckchen, und mit Eintritt völliger Dunkelheit spannte der herrlichste Sternenhimmel sein Zelt über das bergunmschlossene Illerthal.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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