[Kalkalpen-Startseite] [Vorbemerkungen (bitte zuerst lesen!)] [Stichwortverzeichnis] [Impressum] [Kontakt]
Home IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel Viktualien-Verhältnisse in einem Tiroler Gebirgsthal X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel

Vorderhornbach; Rückkehr über Weissenbach nach Sonthofen

Ziemlich erfrischt und gestärkt setzte ich mich Nachmittags 2 Uhr wieder in Marsch und erreichte auf dem breiten Saumwege des Hornbachthales, der meist hoch über dem schäumenden Bache dahinführt, um 4 Uhr den Ort Vorder-Hornbach am Lech. Hier suchte ich den Zimmermann Bacheles auf, dessen Gebirgskenntniss mir gerühmt worden war und wünschte von ihm einige Erkundigungen über die gänzlich unbekannte Hornbacher Kette einzuziehen; traf aber auch bei ihm auf eine bedauerliche Unwissenheit und sah mich auf spätere eigene Nachforschung angewiesen.

In den Abendstunden gedachte ich noch Weissenbach am Lech zu erreichen, wurde aber halbwegs durch plötzliche Müdigkeit und Schlafsucht, theilweise wahrscheinlich auf Rechnung des Hinter-Hornbacher Weines zu setzen, genöthigt, in einer verlassenen Alphütte an der Ausmündung des Schwarzwasserthales zu übernachten.

Andern Morgens wanderte ich über Weissenbach und den Pass Gacht [Gaichtpaß] nach Nesselwängle hinauf, nützte den Tag noch mit einer Besteigung des Aggenstein, war spät Abends in Schattwald und in der Frühe des folgenden Tages in Sonthofen zurück. Infolge des improvisirten Abstieges nach Hinter-Hornbach war ich einen Tag länger ausgeblieben als geplant gewesen, – und schon hatte wieder das Gerücht sich verbreitet, dass ich diesmal "verfallen" sei; ein Gerücht, das um so bereitwilligeren Glauben fand, als, den Hochvogel ohne Führer ersteigen zu wollen, den Leute geradezu als Wahnsinn galt. Meine persönliche leibhaftige Erscheinung zerstreute bald genug jedwede Besorgniss; und für den Hochvogel, gleichwie im Jahre vorher für manchen Berchtesgadener Gipfel, hatte ich manche festgewurzelte Anschauung und Sage zu corrigiren, in nüchterner Darstellung der thatsächlichen Verhältnisse, welche verschiedene frühere Ersteiger dieses Gipfels lieber vermieden gesehen haben würden.

Mir war's ein Erfolg unter vielen; ein neuer, grösserer, schwebte fortan mir vor Augen, ein steilerer Fels, ein schlankeres Horn, als der Hochvogel erfüllte meine Phantasie. Ueber den Eisgrüften deer Hohen Trettach wollte ich thronen auf jener Felsensäule, die des Touristen Schritt, naht er der höchsten Zinne der Algäuer Alpen, in starrem Erstaunen bannt; die, einmal von kecken Geisbuben aus Einödsbach erklommen, seither – man sagt es – von keinem Wagehals mehr betreten worden. Den Hochvogel nannte ich mein; die Trettachspitze stand jetzt auf erster Linie des Programms.


Copyright © http://alpinhistorie.bergruf.de/barth/kalkalpen/
Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

Home IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel Viktualien-Verhältnisse in einem Tiroler Gebirgsthal X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel