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Home XI. Das Hohe Licht Im Bibersbach; von der Linkersalpe auf den Biberskopf, durch den Bibersbach zur Tiroler Hochalpe [1869] Nebliger Morgen
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XI. Das Hohe Licht

Unterbrochener Versuch einer abendlichen Ersteigung; ein Hochgewitter in den Bergen

Die Kreuzung der Bibersbachschlucht von der "Alpe am Berg" herüber hatte mehr als zwei Stunden in Anspruch genommen; es war vier Uhr Nachmittags, als ich an der Hochalpe anlangte. Trotz des anstrengenden Marsches den Tag hindurch hatte ich noch keine rechte Lust, das Werk von heute zu beschliessen, und Angesichts der allmähligen Umwölkung des vorher unvergleichlich klaren Himmels, der nahen Möglichkeit einer Witterungsänderung für den morgenden Tag, schien es mir nicht unvortheilhaft, mit einem letzten Appell an die körperliche Elasticität noch am gleichen Abende das Hohe Licht zu ersteigen und damit meine Geschäfte in diesem Gebirgsabschnitte ein- für allemale zu erledigen.

Gegen diess abenteuerlicher Unterfangen legte indess der Himmel selbst rechtzeitigen Protest ein; ich war noch keine halbe Stunde lang an den starkgeneigten, stufigen Grashängen des Bergfusses aufwärts gestiegen, als mit überraschender Geschwindigkeit Veränderungen bedenklichster Art im Luftkreise sich geltend machten. Da und dort ballten die vereinzelten Haufwolken zu langgestreckten, dunklen Schichten sich zusammen, der Dunstschleier des westlichen Himmels, der wenige Minuten zuvor im Sonnenglanze noch wie leichtes Geflocke aussah, trat in den Schatten und zeigte seine wahre Natur als pechschwarze Wolkenwand. Noch beschloss ich abzuwarten, nahm auf einem vorspringenden Felsenbalkone Platz und verfolgte beobachtend die weitere Entwickelung des Gewölkes. Die Würfel waren in der That gefallen. Dichter und schwärzer zog sich's zusammen und breitete seine düstern Schatten über die Hörner der Lechalpen, über die Hochfläche des Thammberges herüber; jetzt hob sich auch die Wolkenmasse im Westen empor und grünlichgraue, zerfetzte Nebelstreifen mischten sich in den tiefdunklen Gewittervorhang. Für heute musste ich allen weiteren Plänen wohl entsagen; schnell war ich wieder in der Tiefe des Alpenbodens und wanderte der Hütte zu, wo mir gastliche Aufnahme zu Theil wurde. Alles lag bereits in tiefem Düster, näher rückte das Grollen des Donners, vom Lechthale herauf erklang Wetterläuten aus dem Kirchlein von Stög. Vor der Thüre sitzend sah ich die Wettermasse heranziehen, sah sie die Gipfel der Lechalpen in ihre schwarzen Schleier hüllen, aus dem Grabach und Bodenthale hervorbrechen und ihre Schauer in's Lechthal niedersenden.

Kaum bemerkbar, ein fahler, gelbröthlicher Schein, fuhren die Blitze hin und wieder; dem matten Aufzucken folgte unmittelbar der Donnerschlag, mit erschütternder Gewalt an den Felswänden sich brechend und aus ihren Klüften hundertfach zurückgeworfen. Und nun steigt's auch schwarz und drohend herauf über den Biberskopf, die Rappenköpfe und das Hohe Licht, qualmt aus dem Schachenbach empor und streift die Mauern der Ellebogenerspitze. Einen Augenblick noch staut sich der Wolkenschwall vor der Tiefe, die ihm entgegengähnt; dann rollt's wie Ströme von Blei herunter in die Kare, verschwunden sind die Gipfel im Nebelmeere, das Prasseln des Wolkenbruchs, das Toben der angeschwollenen Bäche und das unausgesetzte Donnerrollen mischen sich zu unentwirrbarem Getöse.

In ihre dickwollenen Wettermäntel gehüllt, den festgeschnürten Hut tief in's Gesicht gezogen, eilen die Hirten hinaus in den rasenden Aufruhr der Elemente, das entsetzt, besinnungslos umherrennende Vieh von den gefährlichen Stellen zurückzuhalten. Sie kehren, regentriefend, erst zurück, nachdem der ärgste Gewittersturm sich gelegt, die Wolken fester sich gelagert, und die seltener und ferner ertönenden Donnerschläge verkünden, dass die Spannung der Electricitäten ihren Ausgleich gefunden hat. Endlose Regenfluten stürzen als Nachspiel des Gewitters auf die Berge, von den Bergen in die Bäche und Schluchten nieder; die dichtgezogenen Schleier beschleunigen den Hereinbruch der Nacht.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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