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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XI. Das Hohe Licht

Nördlicher Abstieg in's Kar des Hochalpferners

Ich kletterte endlich den schneidigen Grat wieder zurück nach dem Signale, welches als der Hauptgipfel des Hohen licht sich herausgestellt hatte; baute dort in üblicher Weise einen schützenden Verschlag für die Kaffeemaschine und kochte ein Frühstück, dessen Wärme bei dem nassen und kalten Wetter einen äusserst wohlthätigen Einfluss übte; hier und da erhaschte ich noch einen günstigen Moment der Aussicht. Als auch dieses Geschäft beendigt, das Blechgeschirr mit Schnee geputzt und wieder im Bergsack verpackt war, plante ich den Rückweg – eigentlich weniger Rückweg als Weiterweg, da ich diesem Abend oder aber äussersten Falles in aller Frühe des nächsten Tages Sonthofen wieder erreichen musste.

Es handelte sich daher um die Auffindung des Gebirgsüberganges westlich von Wildmännle, und in erster Linie um den Abstieg vom Hohen Licht in's Kar an seinem nördlichen Fusse. Nun wäre zu diesem Behufe allerdings das Einfachste gewesen, an der Westseite des Gipfels nach der Terrasse der Schäferhütte über der Hochalpe zurück, und auf dem gebahnten Steige um das Hohe Licht herum in's Kar wieder aufzusteigen, – ein langer und langweiliger Weg. Dagegen lag der Kessel des Hochalpferners in lockender Nähe vor mir, der Körper meines Gipfels zegite in dieser Richtung eine langgstreckte Schuttabdachung, etwas tiefer eine zweite Schuttterrasse und diese schien gar nicht so weit mehr von dem Hügelboden des Kar's abzustehen. Kurz entschlossen begann ich dort hinunterzusteigen. Die Gerölllehnen gaben anfänglich gut gangbaren Boden, weiterhin wurden sie steiler und plattiger, abbrechende Felsbänke traten hier und dort aus der verwitterten Ueberdeckung hervor; zuletzt stand ich vor der Steilstufe, die von der tiefer gelegenen Terrasse mich trennte. Sie war zu schroff und haltlos, um hinabzuklettern; ein ziemlich weiter Quergang nach links brachte mich an mässiger geneigte Absätze, an zerspaltene Partieen der trennenden Mauergürtel, und endlich auf die unteren Schuttfelder.

Ihrer natürlichen Senkung folgend wandte ich mich nun nach der rechten Seite zurück; zur Höhe wieder aufblickend gewahrte ich erst jetzt, welch' bedeutender Wandabsturz zwischen jenen oberen Geröllhängen und der unteren Terrasse gelegen hatte und von mir, als ich vom Gipfel aus das ganze Terrain übersah, als geringfügige Abstufung taxirt worden war. In noch bedeutenderem Masse erfuhr ich solche Täuschung bezüglich der tieferen Partieen, mit welchen das Gipfelmassiv im Kare des Hochalpferners fusst. An den Rand der Geröllterrasse vortretend, soweit die rasch zunehmende Steile des Bodens es zulassen wollte, sah ich mich über Wänden von mehreren hundert Fussen Höhe, an denen kein Gedanke eines Hinabkommends. Indess die Sohle des Kars hob sich ebenfalls in beträchtlichem Neigungswinkel und, obwohl in gerader Linie des Abstiegs noch mehrfach thurmtief unter mir, lag sie weiter zur Rechten bereits nahezu in meinem Niveau. Es handelte sich um die Ausmittelung eines Querganges nach jener Seite. Die Schuttterrasse verlief in einzelne Bänder und diese in schmale Galerieen und Gesimse an der Wand, welche von tiefen, senkrechten Klüften durchrissen, dem Durchdringen sehr ernstliche Hindernisse bereiten zu wollen schien. Indess der sichere Boden, breite, theilweise schneebedeckte Schuttkegel vom Fusse der Gebirgsmauern herabgegossen, lag jenseits so nahe vor mir, dass ich unbedenklich in den gewagten Strauss mich einliess.

Stufe um Stufe gings vorsichtig hinab, und wo immer möglich, der Quere nach wieder gegen Rechts; schmale Absätze des Gesteins, ausgehöhlte Grübchen und vorspringende Zacken in den Wasserrunsen gaben erwünschte Anhaltspunkte, doch hätte mein Vertrauen auf die Festigkeit des Algäuer Dolomitgesteins – (an der Wand und der Bergflanke, nicht auf dem Grat) – beinahe eine schlimme Enttäschung erfahren; ein solcher Zacken, an welchem festgeklammert ich mich bis zur völligen Streckung des Arms hinunterlassen musste, um einen tieferen Tritt zu gewinnen, brach eben in dem Momente ab, als mein Fuss Boden fasste; eine Zehntelsekunde früher, und der Sturz wäre unvermeidlich gewesen. Nachdem noch einige Rippen und Rillen quer durchstiegen waren, sah ich mich vor der Hauptkluft, durch welche ein ziemlich starkes Gewässer zum Kar sich hinabgoss; ein enger und unsicherer Durchgang an den glattgewaschenen Platten brachte mich, etwas getauft von der Cascade, nach der entgegengesetzten Seite. Hier fanden sich wieder einige gut gangbare Querbänder durch das Geschröf, wenige Minuten später hatte ich die Trümmerhänge am Rande des Kars gewonnen, nahm sofort das nächste Schneefeld an und fuhr im Saus auf die hügelige Sohle des Beckens hinab. Nun sah ich auf die Wände des Hohen Licht zurück. Hätte ich vom Gipfel aus diesen Anblick gehabt, ich wäre wohl kaum so zuversichtlich da herabgestiegen; indess gereichte mir das gelungene Unternehmen zu einiger Befriedigung, nicht eben seiner Abenteuerlichkeit wegen, sondern infolge der Wahrnehmung, dass ich mit unbegreiflich richtigem Instinkte wieder die einzig mögliche Linie der Gangbarkeit in diesem steilen Gefelse herausgespürt hatte, mit allen ihren, von der geraden Richtung so weit sich entfernenden Abschweifungen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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