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Home XI. Das Hohe Licht Nebliger Morgen Ein rivalisirender Nebengipfel
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XI. Das Hohe Licht

Zur Terrasse der Schäferhütte; in Wolken auf das Hohe Licht

Ich nahm daher Abschied von den freundlichen Hirten der Hochalpe und setzte mich um 1/2 5 Uhr Morgens in Marsch. Wie am Nachmittage vorher übersetzte ich den, noch ziemlich angeschwollenen Bach, welcher aus den Wasserrinnen im Hintergrunde des Kar's sich sammelnd zum Bibersbache hinabstürzt, und stieg das grüne Gehänge am Fusse des Hohen Licht Stufe und Stufe hinauf. Die Anstrengung des vorhergegangenen Tages lag mir in den Gliedern und ich kam ziemlich langsam vorwärts. Allerwärts schützen Zäune die Weideplätze gegen die abstürzenden Wände, die von allen Seiten sie umgeben; auch die Grasflächen, die von der Hochalpe weiter thaleinwärts sich erstrecken, sind längst der Biberbachschlucht hin mit Gehegen eingesäumt. Den untersten, steilen Grashängen folgen mässiger geneigte, ziemlich allgemein begründte Plätze, die einförmig zur Höhe sich empordehnen, und an welchen das Vegetationskleid nur langsam sich verliert und endlich ganz erstirbt. Die breiten Schutthänge der Gipfelpyramide erscheinen nun, wenn sie überhaupt einmal dem Blicke sich zeigen, beträchtlich eingeschrumpft und nur die Erinnerung an das Bild, welches sie aus grösserer Ferne darbieten, lässt die Länge des Weges ermessen, welcher noch zurückzulegen bleibt. Die Passhöhe des Grates, welcher das Hohe Licht mit der Ellebognerspitze verbindet, steht nun zur Rechten in ziemlich gleichem Niveau; der erstere Gipfel, welcher auch in dieser Richtung, gegen Süden, mit breiten Gerölllehnen abdacht, fusst auf ihm mit einem ca. 50' [15 m] hohen Steilabsturze, der weder zu ersteigen, noch zu umgehen sein dürfte; auch von der Gegenseite, von Osten her, habe ich mir diese Stelle betrachtet und bin zu dem gleichen Resulate gelangt.

Ziemlich an der Höhengrenze der Vegetation, wo das Gras nur mehr in einzelnen Bändern und Päcken am Felsgehänge haftet, breitet eine hügelige Terrassenstufe sich hin. Zwischen den mächtigen Blöcken und Trümmern, die ihren Boden überlagern, ist eine kleine Schäferhütte erbaut, niedrig, von rauhem, grauen Aussehen, wie der Fels, der sie umgibt, kaum erkennbar dem ungeübten Auge. Bald darauf ist die Kante gewonnen, welche vom Scheitel des Hohen Licht herabziehend die Gratscheide zwischen der Hochalpe und dem Kessel des Hochalpferner bildet. Gedrückte Schrofenrücken, von Geröll umlagert, bezeichnen ihre Scheitellinie; nach der Höhe zu verliert sie sich in die Schuttfelder der Gipfelpyramide. Als ich die Terrasse der Schäferhütte und den Grat erreichte, war die erste Stunde des Anstieges reichlich bereits verflossen. In das einförmige, nasse Weissgrau des ganzen Horizontes mischten sich bereits wieder die scharfgezeichneten, schwarzen Gestalten heranziehender Regenwolken, die Nebelschichten in den Thälern begannen sich zu heben, da und dort hüllte ein Theil der Rundsicht sich in den grauen Schleier herabstürzender Regengüsse. Der Biberskopf, im Zackenkreise seiner Trabanten, starrte noch frei, eine tiefdunkle Riesensäule, in den trüben Morgenhimmel, während schon die schweren Gewölke um seinen Fuss sich herumlagerten; höher und höher strichen sie durch die Schluchten hinauf, in denen ich gestern umhergeklettert war, wie eine Insel schwamm endlich die gewaltige Felsenbau im grauen Gewoge dahin; da zog ihm noch die oberste Wolkenschicht eine Kappe über den Kopf und im Dunst löste sich, verschwand die starre Gestalt. Nicht lange währte es nun, so waren die Wolken auch bei mir; die tiefe Bibersbachschlucht, die am gestrigen Nachmittage zwei volle Stunden mir gekostet, war ihnen leider kein so zeitraubendes Hinderniss. Bald wies das Gestein vor meinen Füssen die unheilverkündenden grauen Flecken, und ein tüchtiger Platzregen, mit Graupeln untermischt, prasselte auf mich nieder. Ich hatte eben die Gratkante erreicht; drüben war Alles Qualm und Rauch; vom weiten Gebirgskessel, der dort vor mir liegen musste, nicht eine Spur zu erblicken. Die schräg gegen Norden aufgerichteten Felsschichten bildeten auf de Kante stellenweise schützende Dächer, und unter solche eine Höhlung verkroch ich mich, Besserung des Wetters abwartend. Der ärgste Guss ging denn auch bald vorüber, und ein längerer Aufenthalt erschien, da eine radikale Wendung der Witterungsverhältnisse für diesen Tag und wohl auch für etliche nachfolgende kaum zu hoffen war, eben so unnütz als die bei Nachlassen der starken Bewegung höchst empfindliche Kälte einen solche unangenehm gemacht haben würde. Ich nahm daher nach kaum einer Viertelstunde den Anstieg wieder auf.

Die Gratkante bot noch eine Strecke weit gestuften Fels und damit einen bequem gangbaren Boden; allmählig aber verschwanden ihre festen Schrofen im Schuttmeere der Gipfelflanke und das leidige Steigen im Gerölle mit obligatem Zurückgleiten bei jedem Schritte nahm seinen Anfang. Ist solch' eine Wanderung eintönig und unerfreulich genug bei klarem, hellem Himmel, so wird sie bei Nebelverhüllung zu einem der widerlichsten, dem bittersten Missmuth Nahrung gebenden Momente einer Bergtour. Im trüben Schleier, der eine nahe Grenze der Sichtbarkeit nach Aufwärts sowohl wie nach Abwärts zieht, bei unabänderlich gleich bleibenden Terrainverhältnissen, und dem steten Zurückweichen des Bodens unter dem Fusstritte, kommt man sich nicht anders vor, als der Esel, welcher in der Tretmühle arbeitet; man vermeint bei aller Anstrengung doch immer auf dem gleichen Flecke zu bleiben. Und nicht in geringem Grade vermehrte es meinen Aerger, dass solches Wetter bei einer Partie auf den wichtigsten Knotenpunkt zwischen dem centralen und dem westlichen Abschnitte des Algäuer Hauptkammes mich treffen musste.

Gelegentlich brach nun doch der Nebel auf und zeigte mir gegenüber, im Süden, schwarze, zerrissene Wände; es war die Nordflanke der Ellebogner Spitze oder ihres nördlichen Nebengipfels und der von letzterem ausstrahlenden Parallelkette, und wurde einmal einer der gerundeten Gipfelscheitel frei, so mochte ich daran die Höhe ermessen, die zu bewältigen mir noch übrig blieb. Ich erinnerte mich an mein Projekt des Nachmittages vorher und musste mir sagen, dass das Hereinbrechen des Gewitters doch auch sein Gutes gehabt habe*).

*) Ein rüstiger Steiger wird gleichwohl, wenn seiner Ersteigung des Biberskopfes nicht die Irrgänge, wie ich sie machte, vorhergehen, am gleichen Tage noch das Hohe Licht besteigen können. Er wird zu diesem Zwecke auf der Oberen Bibersalpe übernachten müssen; von hier ersteigt man in ca. 3 St. den Biberskopf, umgeht seine Südseite (incl. Abstieg etwa 2-2 1/2 St.), steigt nicht in die Bibersbachschlucht ab, sondern geht quer am Fusse der Rappenköpfe hin in's Kar des Wild-Männle und des Hochalpferners (ca. 2 St.), von hier (2-2 1/2 St.) auf das Hohe Licht, 1 St. Abstieg auf die Hochalpe.

Nordwärts blickte ich durch Lichtungen des Wolkenschleiers hinunter in ein weites, kahles, schneegeflecktes Kar, von zahnigen Graten umschlossen, die ein tiefes, enges Durchbruchsthor zwischen sich lassen; in dieser Lücke steht als Wächter das Wild-Männle, nun ein ganz ansehnlicher Felsenzacken, vergleicht man damit die Miniatur-Gestalt, welche in's Thal von Einödsbach herunterschaut. Tiefer noch gegen Osten buchtet der Kessel in's Innerste des Hochgebirges sich ein; der vortretende Gipfelkörper des Hohen Lichts verwehrte mir noch den Einblick in seinen letzten Hintergrund.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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