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Home VIII. Das Thannheimer Gebirge Das Algäu Ueber Hindelang, Schattwald, Thannheim und den Haldensee nach Nesselwängle [1869]
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 VIII. Das Thannheimer Gebirge

Allgemeine Charakteristik des Thannheimer Gebirgsstockes

Auch dem professionirten Bergsteiger sind die Berge und ihre Eigenschaften ungewohnt. Grün bis hoch hinauf und mit zackigen, oft isolierten Mauerruinen gekrönt, machen sie demjenigen, welcher längere Zeit in den erdrückenden Felsenmassen der Salzburger oder Tiroler Berge umhergewandert ist, einen gewissermaßen unbedeutenden Eindruck. Doch immer hinauf, auf diese unansehnlichen Hügelchen! Stundenlang schon ist das Thal verlassen, und noch immer endlos dehnen sich die grünen Flächen bergan; die Zone, welche in anderen Berggruppen längst schon unter wüstem Getrümmer liegt, bildet hier noch nahrhafte, üppige Weide. Die mürben Schiefer des Flysch sind es, welche ganze Bergzüge zusammensetzen, – die leicht verwitternden Schichten des Alpen-Lias (Algäuschiefer) kleiden die Thäler und Kare der Hochalpen aus und erzeugen eine reiche Vegetation am Fusse der starren, das Leben ertödtenden Dolomitenzacken.

Und wer die Ersteigung über Grün gering zu schätzen gewohnt ist – verirre er sich nur einmal in solch' eine grüne Fläche! versteige er sich in ein grün durchsprenkeltes Felsengehänge, in die durchrissenen Schranken eines Alpentobels! Da wird er eine Steile kennen lernen, die vorher ihm fremd gewesen, da wird er auf der stufenlos abschiessender Planke bald unbeweglich stehen, fühlend, wie die genagelte Schuhsohle, der er sonst so sicher in's Geschröf zu setzen gewohnt war, langsam an Boden verliert, mit den Händen vergeblich im kurzen Grase nach einem Anhaltspunkte greifend. Wohl ihm, wenn es dann noch gelingt, aufwärts klimmend auf's flache Terrain sich wieder zu salviren und die Füsse mit den Eisen zu bewaffnen, die allein ihm Halt zu geben im Stande sind, an der trügerischen "Lahne".

Wer auf eigene Faust das Algäuer Gebirge durchstreift, der lasse die Steigeisen ja niemals zu Hause, und nicht soll es ihn verdriessen, sie manchen Tag am Bergsacke spazieren getragen zu haben. Ein einziger Graben, – eine Abstufung von geringer Höhe, ein Grasstreif von einigen Schritten Breite, könnte die treuen Gehilfen ihn schwer vermissen lassen.

So hatte auch ich in dieser mir neuen Alpen-Gegend, in welche der Sommer 1869 mich führte, erst meine mannigfachen Erfahrungen zu machen und manchen Strauss zu bestehen, bis dass ich mich wieder vollkommen sicher und im Stande fühlte, wie das Jahr vorher in Berchtesgaden, so auch im Algäu, den Berggipfel, den ich gesehen, auch nach eigenem Gutdünken und Plane zu ersteigen. Gleich bei meinem ersten Ausfluge auf den harmlosen Stuiben hatte ich mich im Anstiege von der Südseite herauf, nach der im Algäu nicht geltenden Theorie "ein Fels der grün durchsprenkelt ist, ist gut ersteigbar" in bedenklichster Weise in die Lahnen verwickelt. Die folgenden Touren auf Nebelhorn, Daumen, Gaishorn, hatten mir wieder das gewohnte, rauhe Geschröf vorgeführt, in welchem ich mich ungehindert und vertrauensvoll umher bewegte; doch fehlte es niemals ganz an Unterbrechungen durch die leidigen Grasflächen, die Abrisse mürben, schieferigen und doch kompakt zusammenhaltenden Geschiebes, namentlich in der Nähe der Thalsohlen und in den Gräben, welche ich pfadsuchend meistens ohne Pfad zu überschreiten hatte.

Schon auf den ersten Gipfeln, die ich erstieg, war mir im fernen Nordosten eine seltsame, zangenartige Berggestalt aufgefallen, ein paar auseinander geneigte, abgeschnittene Kegelthürme, ihre Gestalt verändernd, so wie der Standpunkt sich änderte, von welchem aus ich sie erblickte. Ich hatte sie anfänglich auf den Säuling bei Hohenschwangau bezogen, überzeugte mich aber bald, dass sie diesseits des Lech sich befänden und meinem Excursionsgebiete sohin zufallen mussten.

Vom Gaishorn zum Vilsalpsee heruntersteigend und thalaus nach Thannheim [Tannheim] wandernd, hatte ich dort zuerst nähere Kunde von diesen Bergen bekommen; es war die Rothe Flüh [Gimpel], die ich gesehen und die mir jetzt auf ein paar Stunden Entfernung in unveränderter Gestalt gegenüber stand. Ihre gegen Westen völlig senkrechten Felsthürme, die Rothe Flüh [Gimpel] nördlich, der niedrigere Haldenspitz [Rote Flüh] südwärts geneigt, bilden nur das westliche Ende eines längeren, sehr schroffen Gebirgszuges, welcher den Norden des Thannheimer Thales [Tannheimer Tal] vom Haldensee bis zum Pass Gacht [Gaichtpaß] begleitet und dessen südlich sich auskrümmende Fortsetzung (Hahnekamm [Hahnenkamm] und Gachtspitze [Gaichtspitze]) die Felsenschlucht einengt, durch welche die Strasse nach Weissenbach [Weißenbach] und Reutte sich hinunterschlingt.

Ist der Anblick des Westendes des Gebirges, welches im Allgemeinen auch wohl mit dem weniger bekannten Namen des "Gimpel" bezeichnet wird, schon überraschend für denjenigen, welcher nach Ersteigung des Ober-Jochs [Oberjoch] bei Hindelang und nach Ueberwanderung der öden Hochmoorfläche am Fusse des Eiseler [Iseler], aus dessen Schluchten die Wertach ihren Ursprung herleitet, an den Rand des Plateaus oberhalb Schattwald tritt und dieses seltsame Fels-Gebäude isolirt aus grünen Bergzügen emporsteigen sieht, so ist der Eindruck, welchen das Erscheinen des Kammes auf den in umgekehrter Richtung Reisenden hervorbringt, wenn er aus der düstern Schlucht des Weissbaches [Weißenbach] auftauchend in's wiesenreiche Thannheimer Thal eintritt, noch ungleich grossartiger.

Massig breit und doch bis in's kleinste Detail zerrissen und verzackt spreitet sich da der mittlere und höchste Gipfel des Gebirges, der Kellerschrofen*) [Köllenspitze/Kellespitze, 2238 m] auf dem Grat, ihm zur Rechten schwingt die nahezu gleich hohe Gernspitze**) [Gehrenspitze, 2163 m] sich hinaus, zur Linken weitet sich ein kahles Trümmerkar, in welchem der Doppel-Gipfel Rothe Flüh [Gimpel, 2173 m] – Haldenspitz***) [Rote Flüh, 2108 m] fusst. Dünne, zahnige Klippenreihen laufen an den Bergflanken herunter, deren Becken das frische Grün der Alpenweiden erfüllt. Schmale Geröllriesen, aus den Schluchten der Wände hervorbrechend, durchstreifen die Wiesengründe; Waldung bekleidet den Fuss des Gebirges, in welchen ein paar tiefe Tobel, Wasserfälle bildend, sich einschneiden. Gewaltiger noch entfaltet sich die isolirte, hohe Stellung des Gebirges und seine symmetrische Dreitheilung, betrachtet man dasselbe von gemässigter Berghöhe aus, die südlich ihm gegenüber steht. Man fühlt sich dann versucht, seinen Bau mit einem in Ruinen zerfallenden Riesenschlosse zu vergleichen, diesem gleichwohl als ebenbürtige Genossen an die Seite treten.

*) 6901' 2242 m. Lamont (unter dem Namen "Gimpelberg")
**) ca. 6850' 2225 m. [2163 m]; eine "Gernspitze bei Nesselwängle" findet sich bei Gümbel mit 6667' [2120 m] angegeben, was entschieden zu niedrig ist.
***) Rothe Flüh ca. 6800' 2209 m. [Gimpel, 2173 m]; auch für diesen Gipfel konnte ich keine irgendwie zuverlässige Messung in Erfahrung bringen. – Pechmann, Notizen zur Höhen- und Profilkarte Tirols, gibt eine wahrscheinlich hieher bezügliche Höhe unter dem Namen "Gimpel" mit 6692' 2174 m. an, eine unglaublich starke Differenz gegen den Mittelgipfel des Thannheimer Gebirges.

Im Norden des Hauptkammes des Thannheimer Gebirges lagert noch ein niedrigerer, geradliniger Bergrücken gegen das flache Land sich vor, gemeiniglich mit dem Namen "die Flüh" [Schlicke] bezeichnet. Zwischen beiden eingeschlossen liegt das dichtbewaldete Reinthal [Raintal/Reintal], welches unterhalb des Knie-Passes [Kniepaß] in den Lech ausmündet. Vom Knotenpunkt beider löst in nordwestlicher Richtung der Kamm der Vilser Berge [Vilser Alpen] mit dem Rossberg [Brentenjoch/Roßberg] und Aggenstein sich ab und verbindet die Kette der Thannheimer Gipfel mit der niedrigen Gruppe der Pfrontener Berge. Mit seiner ganzen, durch die bereits erwähnte südliche Ausbiegung des Hauptkammes beträchtlich verlängerten Ostseite grenzt das Thannheimer Gebirge an das linke Lechufer und begleitet dessen Lauf von Weissenbach [Weißenbach] nach Reutte mit grünen, zackengezierten Bergwellen, über welche die weisse Kalksäule der Gernspitze [Gehrenspitze] in's reich bevölkerte Thal herunterschaut.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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