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Home VIII. Das Thannheimer Gebirge Nacht in der Holzerhütte Abstieg nach den Gernalpen [Gehren-Alp]; quer über das Gebirge nach den Nesselwängler Alpen
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 VIII. Das Thannheimer Gebirge

Von den Kelleralpen [Sabachtal-Galtalpe] auf die Gernspitze [Gehrenspitze]; Ausblick

So drohend die Felsen auf uns auch niederblickten, so war die Erscheinung derselben doch genau die gleiche, wie am Kellerschrofen [Köllenspitze/Kellespitze]; sie rückten aus einander und lösten sich auf in ein Gewirre von Zacken, Zinnen und Thürmchen, von tiefen, engen Klüften durchzogen, welche hundertfach gespalten in's Gewände hinauf sich verzweigten. Es galt eben wieder in diesem Wirrwarr die richtige Linie zu finden in's Freie hinauf. Die Grasplätze, über welche unser Weg emporführte, zogen sich bald schmal zusammen, nur einzelne Bänder und endlich blos zerstreute Rasenpolster noch am Felsen zurücklassend, der immer luftiger vor uns sich aufthürmte, immer jäher von unseren Füssen weg zur Tiefe sank. Der Rückblick gegen Westen zeigte uns die nadelstarrende Kegelgestalt des Kellerschrofen, von der Morgensonne grell erleuchtet.

Von Ecke zu Ecke drängten wir uns am Steilhange vorüber, wunderliche Klippen überragten und überhingen uns von Oben, von der rechten wie von der linken Seite. Wo immer ein Rasenplätzchen in den kahlen Fels sich einlagerte, erblühte zu Tausenden die prächtige Frühlingsblume der Berge – Primula auricula – Gamsblümchen; "Alpenrosen" nannte sie mein Begleiter. Um ein besonders scharf vorspringendes Riff auf schuhbreitem Grasbande biegend, forderte der Tiroler mich auf, das Gesicht gegen die Wand zu kehren und nicht nach der rechten Seite hinunter zu schauen. Natürlich that ich das Gegentheil, und was ich dort erblickte, war in der That der Betrachtung werth: ein völlig mauergeschlossener, trichterförmig sich verengender Felsenschlund, von den abenteuerlichsten Klippengestalten umrandet, die jemals mir vorgekommen, in senkrechter Tiefe, über welcher das schmale Gesimse unseres Weges, stellenweise sogar unterhöhlt, sich hinwegzog.

Im geraden Anstiege längs einer Bergrippe, dann wieder nach der linken Seite einlenkend, gelangten wir in die eigentliche Region der Gräben, in deren Sohle wir fortan uns bewegten. Sie waren denen am Kellerschrofen sehr ähnlich, jedenfalls eben so steil, enthielten jedoch weniger Gerölle und Trümmerwerk, dafür etwas mehr Graswuchs. Herrlich war der Ausblick aus diesen eingekasteten Schluchten gegen West, namentlich dann, wenn in den greifbaren nahen Felsenrahmen des schmalen Bildes die imponirende Gestalt des Kellerschrofen trat [Köllenspitze/Kellespitze], ebenfalls felsenkahl, aber im Lichtglanze scharf abstechend von den Schatten, der sie begrenzte. Wir stiegen fortan fast geradlinig aufwärts, bald zu rechten, bald zur linken Seite in einen Zweiggraben uns wendend. Mein vorausgehender Führer trug nach Jägerart sein Gewehr quer über die Achsel, den Lauf nach hinten gekehrt, dessen Mündung solchergestalt fortwährend vor mir herbaumelte; ich war zu sehr Fatalist, um ein Wort darüber zu verlieren. Als wir wieder eine Bergrippe überschritten, kauerte mein Vormann plötzlich nieder, nahm die Flinte zur Hand, der Schuss krachte, und ein Schneehuhn – flog davon. Ich vergönnte dies dem Letzteren von Herzen und hatte meine Freude an dem Echo, das durch die Schluchten rollte und fern am Kellerschrofen sich zurückbrach.

Wir kamen nun allmählig auf freieres Terrain; die Gräben weiteten und flachten sich aus, spärlich begrastes Gerölle deckte den Boden. Vor uns erhob sich in senkrechter Mauer ein gewaltiger Felsbau, links davon, weiter zurückliegend, zeigten sich einige grüne Plätze, welche von mir sofort als die gerade unter dem Gipfel der Gernspitze [Gehrenspitze] gelegenen wieder erkannt wurden. Ich hatte bereits höher zu stehen geglaubt. Quer an der Nordseite des Gebirges hin leiteten uns Schuttbänder und enge Gesimse; der Durchgang, auf den ersten Blick ziemlich übel aussehend, zeigte sich in der wirklichen Ausführung weit zahmer, als ich gedacht. Dann ging's schräg über die grünen Plätze, noch ein Stück weit Schrofenstufen hinan, zum Hauptgrat; wenige Schritte östlich schwingt letzterer zum Gipfel sich empor (ca. 6850' 2225 m.) [Gehrenspitze, 2163 m]. Die Gestaltung des letzteren ist äusserst seltsam: eine halboval von Süden nach Osten und Norden sich herumbiegende, etwa 15 Schritte lange Felskante stürzt mit senkrechten Mauern zu einer brunnenartig umschlossenen Tiefe nieder, man möchte an einen eingebrochenen vulkanischen Krater denken und im Geiste das Bild der Feuerfluten sich ausmalen, die gen Reutte hinabgiessen, der Pinie, welche über das Lechthal ihren Aschenregen niedersendet; schade, dass ein Stückchen Wettersteinkalk, vom Boden aufgelesen, dies Phantasiebild von Grund auf zerstört.

Wir hatten von der Hütte im Reinthale [Raintal/Reintal] 3 Stunden zur Ersteigung benöthigt und langten daher noch vor 7 Uhr morgens auf dem Gipfel an. Die Aussicht war von unvergleichlicher Klarheit. Im Osten die spitzenreiche Gruppe der Trauchgauer Gebirge, rechts davon die isolirten, grünen Rücken des Taurenberges [Tauern] am Plansee, des Thaneller bei Heiterwang. In weiter Ferne die erhabenen Gipfelgrate der Wetterwand [Wetterstein], mit der nordwärts vorgeschwungenen Zugspitze, die aneinandergereihten Kegelthürme der Munde-Mieminger Kette. Im Südosten die Hörner der Lechthaler Alpen in den Gebieten des Rothlech- und Berwang-Thales; im Süden dreifach übereinandergeschobene, zackige Felskämme: zunächst der Lailach [Leilachspitze] und Luche Spitz [Luchenspitze], dahinter die Kette der Rosskarspitzen und diese wieder überragend die charakteristisch gezeichneten Gipfel der Hornbacher Kette; etwas westlich abgerückt die majestätische Pyramide des Hochvogel.

Zu unseren Füssen das reichbevölkerte Lechthal, vom breiten, weissen Schuttbette des Lech durchschlungen, Reutte mit seinen Häusern und Kirchen, die prächtigen Kunststrassen, die von dieser Stadt über die Gebirgspässe, nach dem Plansee einer-, nach Lermos [Lermoos] andererseits hinüberführen. Am Fusse unseres Berges eine breite, dunkelbewaldete Hügelvorlage, ein tiefblauer See [Frauensee] im Tannenrahmen und nicht weit davon auf sonnigem Wiesplatze ein einsames Häuschen: "dort", sagte der Tiroler, "ist mein Heim".


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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