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Home VIII. Das Thannheimer Gebirge Mit einem Tiroler Holzknecht auf die Nesselwängler Scharte und den Kellerschrofen [Köllenspitze/Kellespitze] Von den Kelleralpen [Sabachtal-Galtalpe] auf die Gernspitze [Gehrenspitze]; Ausblick
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 VIII. Das Thannheimer Gebirge

Nacht in der Holzerhütte

Frostig war die Nacht, und es kostete wenig Ueberwindung, das kalte Lager zu verlassen, als die Holzer des andern Morgens frühe das prasselnde Feuer schürten. Kaum noch hatte das nächtliche Dunkel sich gelichtet, als wir die Rindenhütte verliessen und thalaus wanderten. Nur kurze Zeit sollten unsere Wege die gleichen bleiben. Der Aeltere der beiden Holzer ging nach Musau am Lech hinaus und verfolgte daher den Thalweg des Reinthales [Raintales/Reintal]. Der Jüngere wollte nach Reutte zur Kirche; sein Weg führte ihn nahe der Gernspitze [Gehrenspitze] vorüber, welche ich zunächst zu besuchen gedachte, er wollte mir bei dieser Gelegenheit die Stelle zeigen, von welcher aus ich am besten ansteigen würde. Beide hatten zur Morgenwanderung ihre Gewehre mit sich genommen; sie waren ihrer Aussage zufolge Pächter der Jagd in diesem Thale — ob es mit dieser "Pacht" so ganz richtig war, weiss ich nicht zu sagen. Aus dunklem Hochwalde führte der Pfad uns auf eine Wiesenlichtung, der Aeltere, welcher uns ein paar Schritte voraus war, blieb plötzlich wie gebannt stehen und bedeutete uns durch Zeichen, ein Gleiches zu thun. Kaum sichtbar im Dämmergrau zeichnete sich die Gestalt eines stattlichen Hirsches vom jenseitigen Waldsaume sich ab. Der Holzer liess sich auf ein Knie nieder, nahm lautlos die Büchse von der Schulter und zielte. Das Gewehr versagte, und der Hirsch empfahl sich; grosses Bedauern der ganzen Gesellschaft.

Gleich darauf theilten sich unsere Wege. Mit herzlichem Händedruck nahm ich Abschied von meinem Führer auf den Kellerschrofen [Köllenspitze/Kellespitze] und stieg mit seinem Gefährten zur Terrasse der Kelleralpen [Sabachtal-Galtalpe] hinauf; ein allenfalls dort grasendes Wild nicht zu verscheuchen, gebrauchten wir auf dem holperigen Weg die Bergstöcke nach Jägersitte verkehrt, die Eisenspitze nach oben gerichtet. Aber nichts Lebendiges war auf der Alpwiese zu erblicken. Wir hätten nun in südöstlicher Richtung den Grat zu übersteigen und die Südflanke des Gebirges zu queren gehabt, von wo dann mein Begleiter nach Reutte hinab, ich zur Gernspitze [Gehrenspitze] hinaufsteigen wollte. Statt dessen machte jener mir den Vorschlag, über die Gernspitze selbst wegzugehen, indem wir ihre gewaltig steile West-Wand anstiegen "wenn ich mir getraue". Natürlich ging ich bereitwilligst auf dieses interessante Project ein, und wir begannen von den Kelleralpen unmittelbar in westlicher Richtung den Anstieg. Erst hatten wir ein langgestrecktes Gehänge, mit Gestrüpp und Legföhren bewachsen, von einigen Geröllschütten durchzogen, zu überwinden, um bis an den Fuss der Felsmauern zu gelangen: während wir dort emporstiegen, knallte es wieder im Thale. Mein Begleiter jammerte, der andere habe nun gewiss einen Hirsch geschossen, und da er nicht dabei gewesen, werde jener seine Beute verleugnen und den Gewinn allein einstecken. Auch das stille Gebirgsthal ist nicht frei von Selbstsucht und Eigennutz, so wenig wie die grosse Welt da draussen!


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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