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Home VIII. Das Thannheimer Gebirge Allgemeine Charakteristik des Thannheimer Gebirgsstockes Die Nesselwängler Alpen [Gimpel-Alp]; Aufschluss des Kars an der Rothen Flüh [Gimpel]
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 VIII. Das Thannheimer Gebirge

Ueber Hindelang, Schattwald, Thannheim und den Haldensee nach Nesselwängle [1869]

Ich hatte im Beginne meiner Algäuer Excursionen es auf die mehr isolirten Gebirgsstöcke im Nordosten dieser Gruppe abgesehen, bevor ich in's Herz des ganzen Gebirges, in die Quellenthäler der Iller, einzudringen gedachte. Sobald ich daher vom Gaishorne aus die seltsamen Felsgestalten im Thannheimer Thal als innerhalb meiner Grenzen gelegen erkannt, die ersten Erkundigungen über sie im Thale eingezogen hatte, waren sie auch zum Ziele der nächsten Bergfahrt bestimmt; und gewohntermassen währte es nicht lange, bis der gefasste Plan zur Ausführung gelangte.

Am 4. Juni [1869] Nachmittags verliess ich, wieder in Bergausrüstung, die Strasse von Sonthofen. Ich hatte einen weiten Weg vor mir, denn Nesselwängle, nahe dem Eingange zum Pass Gacht [Gaichtpaß], war mir zum Nachtquartier bestimmt, auf dass mit dem Frühesten die Ersteigung angetreten werden könne. 5 Uhr Abends erfolgte der Abmarsch von Hindelang, und über das Joch [Oberjoch] ging's die Landstrasse entlang nach Schattwald, woselbst am Grenzhause noch einiger Aufenthalt entstand, indem der biedere Zollwächter den Inhalt meines ziemlich geschwollenen Bergsackes zu sehen wünschte. Fand sich denn etwas Wäsche, eine Woll-Jacke, Fernrohr, Gucker, Messer, Notizbuch, Kaffeemaschine, ein Tabaksbeutel mit gemahlenem Kaffee gefüllt, Spiritusfläschchen, Zündholzschachtel und eine grosse Champagnerflasche, aber leer; Wasser hatte ich im Thale noch genug. Schliesslich noch ein paar Reserve-Stöpsel. Lauter zollfreie Gegenstände! — Passirt! —

Gegen 8 Uhr war ich in Thannheim [Tannheim], nahm dort einen Abendimbiss zur mir und marschirte bei einbrechender Nacht wieder ab. Bald deckte tiefes Dunkel meinen Weg, hier und dort schimmerte Licht aus dem Fenster eines Häuschens. Links hinüber bog sich die Strasse an den Fuss des Berggehänges und bald begleitete das eintönige Plätschern der Wellen des Haldensees meine Schritte. Tiefschwarz lag sein zitternder Spiegel hart am Saume des Weges, und schwärzer noch stiegen vom jenseitigen Ufer die Berge empor zum sternübersäeten Himmel.

10 Uhr 30 Min. Nachts kam ich in Nesselwängle an; Alles war still und finster. Die unbestimmt in's Dunkel verschwimmenden Umrisse eines Aushängeschildes verriethen mir das Gesuchte, – ein Wirthshaus. Auf mein Pochen und mein Verlangen am Einlass erfolgte von Innen die Frage, woher ich komme, und die weitere, warum ich nicht in Thannheim geblieben sei. – Sehr naiv. – Weil ich eben nach Nesselwängle gegangen bin. – Endlich wurde doch, wiewohl zögernd, aufgethan, und verwunderte Blicke der Wirthin musterten den Ankommenden und seinen eigenthümlichen Aufzug, ein mixtum compositum, – man möchte sagen, eine urweltliche Stammform von Tourist, Jäger und Handwerksbursch; von ersterem kaum mehr, als die Brille. – Wir hatten uns indess bald verständigt, es wurden mir sogar noch Eier gekocht, und ich erhielt Zimmer und Bett, von welchem ich freilich nur wenige Stunden mehr Gebrauch machen konnte.

Kaum graute der Morgen, so befand ich mich schon im Anmarsche gegen das Gebirge, welches unmittelbar hinter Nesselwängle sich aufbaut; die Ersteigung seines Gipfels sollte meine heurige Geburtstagfeier*) bilden, ich ahnte zu früher Stunde noch nichts von all' den Unannehmlichkeiten, die just an diesem Tag meiner warteten.

*) [Hermann von Barth wurde am 5.6.1845 geboren, d.h. es war sein 24. Geburtstag.]

Längs eines eingemauerten Canals führte der Weg aus Nesselwängle hinaus dem Gebirge zu; tief aufgerissen weist es das Innerste seiner Flanken, dunkel braunrothe Felsmassen, durch deren Kluft ein Bergwasser weissschäumend sich herunterstürzt. Kaum eine Viertelstunde hinter dem Dorfe beginnt der Anstieg, auf anfangs sehr schwach ausgeprägtem, steil durch Fichtenköppchen sich hinaufwindenden Wege, welcher nach etwa 20 Minuten auf ein freies Wiesenplätzchen und von diesem weg in den Hochwald eintritt. Hier gestaltet sich derselbe alsbald zum breiten Alpenpfade, welcher in zahlreichen Krümmungen die Höhe des steilen Berggehänges zu gewinnen strebt. Gelegentliche Lichtungen des Gehölzes eröffnen den bei jedem Schritte sich weitenden Ausblick auf's Thannheimer Thal mit seinen grünen Weiden und seinen häuserreichen Ortschaften; hat man das Niveau der nächstwestlich sich erhebenden Bergrippe gewonnen, so erscheint auch der lichtblaue Spiegel des Haldensee's wieder, welcher dem ganzen, reichen Bilde der Tiefe neuen Glanz und neues Leben verleiht. Im Rücken des Wanderers steigt über dem Scheitel des Grünspitz [Krinnenspitze/Krinnespitze] und Sitnisschrofen [Litnisschrofen] die zackige Gestalt des Lailach [Leilachspitze] empor. Von der Höhe herunter schauen graue, als der Waldung sich aufthürmende Felsbastionen, der Kamm des Gebirges und seine Gipfel aber bleiben dem Auge verborgen. Zuweilen drängt der Weg sich ziemlich nahe an die Schlucht heran, welche bereits im Thale so augenfällig hervortritt, und welche dem pfade zur Rechten bleibt; mit allmähliger Erhebung sieht man diesen Einriss am jäh abgebrochenen Rande einer flachen Wiesenmulde seinen Ursprung nehmen. Bald darauf verlässt der Weg die obere Grenze des Waldes und, auf teilweise krummholzbewachsenes, übrigens ziemlich freies Terrain austretend erreicht er die Bergterrasse der Nesselwängler Alpen [Gimpel-Alp], 1 Stunde nach Beginn des Anstieges von Nesselwängle.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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