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Home X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel Die Aussicht – ein Bild des Todes Qualification der Trettachspitze als Bergtour
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel

Abstieg zum Einödsberg und nach Spielmannsau

4 Stunden hatte von Einödsbach unser Aufstieg zur Trettachspitze gewährt; das eigentliche Felsenklettern nicht ganze eine Stunde. – Ueber eine Stunde verweilten wir auf dem Gipfel, der wohl manches Jahr nachher der ungestörten Ruhe wieder geniessen sollte. Gegen 9 Uhr erfolgte, nachdem wir unserem Vis-à-vis auf der Mädelegabel einen letzten Abschiedsruf zugesendet, der Aufbruch. Da wir keine Stöcke hatten, so musste der Abstieg fast durchweg sitzend zurückgelegt werden, wobei die Rollen der Glieder tauschten, die Hände zu festen Stützen und die Füsse zu voraus tastenden Fühlern wurden; die Beinkleider wurden dabei in höchst bedenklicher Weise mitgenommen und erschienen nicht mehr gar geeignet, unter der haute volée der Sommergäste Oberstdorfs zu paradiren. Immerhin kamen wir solcherart zwar langsam, aber in voller Sicherheit abwärts, der steile Grat, welchen wir bereits im Aufsteigen von seinen trügerischen Felsklötzen grössentheils gesäubert hatten, bot auch nicht allzu grosse Schwierigkeiten, der Plattenhang zum Kare hinab war im Abstiege, zumal wir der Stöcke entbehrten, das Unangenehmste. Ueber die Felsenhügel des Kars ging's dann schnellen Schrittes hinunter zu unserem Gepäcke; dann weiter durch die kleinen Trümmerkessel und über die Schrofenrippen der Wildengundköpfe auf die Bergecke des Spätengundkopfes und die schräge Abdachung seiner Nordseite hinab auf den Gratsattel des Einödsbergs, welchen wir 1 1/2 Stunden nach Verlassen der Trettachspitze erreichten. Hier trennten wir uns; mit herzlichem Danke verabschiedete ich mich von dem wackeren Schraudolph, der nach seiner Heimat zurückkehrte, und wandte mich ostwärts, zur Spielmannsau hinunter.

Ueber grasreiche Wiesen erreichte ich bald eine hochgelegene, zu den Einödsbergalpen gehörige Hütte, gerieth dann, damit diesem Tage ein kleiner Irrgang nicht erspart bleibe, statt den Wegspuren nach der rechten Seite zu folgen*), auf falsche Fährte in entgegengesetzter Richtung und in's Gewirre der tief eingerissenen, dicht mit Buschwerk überwucherten Gräben. Ziemlich mühsam und arg durchnässt erreichte ich die tiefer gelegenene Terrasse, wo ich den gebahnten Steig wieder antraf; er führte nun nach der linken Seite, kreuzte ein paar starke Giessbäche, welche mich erkennen liessen, dass ich noch immer die relativ beste Abstiegslinie im pfadlosen Terrain mir gewählt, und leitete schliesslich zur Untere-Mädelealp (3906' 1269 m. Sendtner), einer grossen, nicht hoch über der Thalsohle gelegenen Hütte. Ein rauher Karrenweg endlich zieht sich von hier durch Wald und Busch hinab auf die Schuttfelder des Trettachbettes. 1 1/2 Stunden nach Verlassen des Einödsbergkammes war Spielmannsau erreicht und zufriedener als ehedem, sah ich nun zur schlanken Spitze empor, die vom Trettachthale, das sie beherrscht, ihren Namen hat.

*) Es ist dieser Weg, wie ich im Jahre 1873 bei Gelegenheit der Skizzenaufnahme mich überzeugte, überhaupt nicht sehr ausgeprägt, und verschwindet in der Wiese östlich der Alphütte völlig. Man gehe übrigens unbeirrt in gerader östlicher Richtung hinab, alle Gräben zur Linken lassend, bis zum äussersten Vorsprunge der Alpweide, wo die Stangen eines Heuschobers sich zeigen. Von dort führt gebahnter Pfad gegen links hinunter, über die Gräben und Bäche.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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