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Home X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel Geschichte und Mythe der Trettachspitze
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel

Die Trettachspitze; ihr Bau, ihre ersten Ersteiger

Wenn eine Spitze unbesteigbar ist, so muss es diese sein! – so möchte wohl ein Jeder ausrufen, der vom Mädelejoch der Südseite des Kratzer entlang dem Gipfel der Mädelegabel zuwandert und auf dem Höhenrande der Schwarzen Milz urplötzlich des Obelisken ansichtig wird, der als Vorposten der centralen Gebirgsmasse auf dem Scheidekamme zwischen Trettach und Einödsbach thront. Mag er als gewiegterer Kenner der Berge noch Zweifel hegen an der reellen Wahrheit dieser Gipfelgestalt, mag er sie sich betrachten von Süden, Westen oder Norden – immer der gleiche, abgerissene, isolirte, schlanke Bau; bald Säule und bald schiefes Horn, einem aufgereckten Riesenfinger gleich gen Himmel weisend; – im günstigsten Falle ein aufgekrümmter, zuckerhutartiger Kegel. Herausfordernd einen Jeden, in dessen Adern etwas Gemsenblut rollt, von allen Seiten drohend, unangreifbar ihn zurückweisend – so rechtfertig die Trettachspitze, wo immer man sie beschauen mag, jenes erstgefällte Urtheil: Wenn eine Spitze unbesteigbar ist, so muss es diese sein!

Aber die Neuzeit macht, wie auf jedem Gebiete, so auch auf dem des Bergsteigens ihre gewaltigen, unaufhaltsamen Fortschritte. Geradezu staunen muss man, liesst man in älteren Werken und Schriften Bergersteigungen als entsetzlich schwierig und gefährlich geschildert, die heutzutage als kinderleicht und für den grossen Touristenschwarm so recht eigentlich gemacht gelten; dagegen fallen Jahr für Jahr stolze Gipfel, die allen früheren Generationen einen unbesiegbaren Trotz boten. Auch die Jungfräulichkeit der Trettachspitze ist längst dahin, sie ist entschwunden zu einer Zeit, wo der Alpenbesuch noch in den Kinderschuhen steckte, wo kaum anderwärts eine Spitze von so gefährlichem Ansehen wäre angegriffen worden.

Nicht ein fremder Alpensteiger, der einen Namen sich geschaffen oder den er bereits besass, mit neuem Glanze zu umgeben strebte, hat in den Quellenthälern der Iller die Werbetrommel gerührt nach den verwegensten Söhnen des Gebirges und hat mir schwerem Aufwande an Zeit und Geld endlich sein Ziel erreicht – schlichte Hirten selbst sind es, welche begehrend ihre Blicke nach der scharfgespitzten Zinne emporrichteten, und, als die Gemsen ihnen den Weg dorthin gezeigt, ihren Spuren folgend die luftige Warte betraten. Sennen und Wildheuer waren lange Jahre hindurch die Einzigen, welche das einmal gelungene Wagstück nachahmten. Scheint es doch, als ob die gesteigerte Intelligenz des Algäuers, die allerdings zunächst in Bezug auf sein materielles Wohl sich geltend macht und eifriger mit dem Düngerwagen und Drainirpfluge, als mit dem Kreuzgange die Felder durchzieht, auch einen höheren Sinne für die ihn umgebende Natur in sich schliesse; welchem Tiroler oder Altbayer wäre es eingefallen, mit einer kühnen Felsenspitze in gefahrdrohender Weise sich zu schaffen machen, bloss deswegen, weil sie Jahr ein, Jahr aus ihm zum Fenster hereinschaut. Weiss er doch oft nicht einmal ihren Namen, beantwortet die Frage nach demselben mit dem lakonischen Ausspruche "da geht kein Vieh mehr hin." Ganz richtig! – Die eingeborene Bevölkerung geht da nicht hin.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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