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Home X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel Abstieg zum Einödsberg und nach Spielmannsau XI. Das Hohe Licht
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel

Qualification der Trettachspitze als Bergtour

Es möchte der Leser zum Schlusse vielleicht nach einer allgemeinen Qualifikation der Ersteigung der Trettachspitze fragen. Dass dieselbe nicht anders als schwierig, ja sogar als von hervorragender Schwierigkeit, beurtheilt werden könne, darüber wird ihm nach der vorhergehenden Beschreibung wohl kaum ein Zweifel bestehen und bin ich auch weit entfernt in Abrede zu stellen, das sich als eine solche auch für mich, nicht blos in Rücksicht auf Andere, sie beurtheile.

Gleichwohl ist diese Schwierigkeit nicht als eine so hochgradige aufzufassen, dass die Trettachspitze überhaupt Jedem unzugänglich wäre, der aus dem Riskiren des Halsbrechens nicht ein specielles Vergnügen sich macht. Eben das Algäuer Gebirge, welchem die Trettachspitze angehört, bietet mir die Analogie eines Gipfels, welcher von berggeübten Touristen mehrfach besucht wird, und welchem ich die Trettachspitze gleichzustellen kein Bedenken trage. Es ist die Höfats im Gerstrubener (Dietersbach-) Thale. Steilheit des Gehänges (wenn auch die behaupteten 80-82° sich kaum in Richtigkeit verhalten dürften), – Gefahr und unfehlbare Verderblichkeit des Absturzes bei geringstem Mangel an Vorsicht, stehen für beide Gipfel sich völlig gleich; nur der Charakter der Ersteigung ist ein verschiedener. Was an der Höfats steile, haltlose Grasplanke, das ist an der Trettachspitze nackter, aber gestufter Fels. Ist es an der Höfats ziemlich gleichgiltig, wohin das Eisen gesetzt wird, wenn es nur richtig eingesetzt wird, so erfordert die Trettachspitze ein umsichtiges Auswählen der Tritte. Und was speciell die Schwindelfreiheit anlangt, die freilich auch von der Höfats in nicht geringem Grade gefordert wird, so stellt in dieser Hinsicht die Trettachspitze noch höhere Ansprüche, indem sie die Abgründe von beiden Seiten dem Blick vorführt, während an der Höfats, deren Gipfel ausgenommen, das Auge stets einen Ruhepunkt an der zur Seite aufstrebenden Wand hat.

Im Wesentlichen besteht sohin der Unterschied zwischen Ersteigung der Höfats und der Trettachspitze weniger in quantitativen, als in qualitativen Momenten der Kletterkunst, und trage ich kein Bedenken für denjenigen, der an der Höfats sich erprobt und ausserdem noch einige grössere Touren auf kahlen Felsengipfeln zur Ausführung gebracht hat, auch einen Versuch mit der Trettachspitze als erlaubt zu bezeichnen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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