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Home X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel Orographische Stellung und Bedeutung Zweiter Anmarsch: mit Baptist Schraudolph, der seine vierte Trettachspitzersteigung vollführt [1869]
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel

Erstes Nachtlager in Einödsbach; die Bacher Zwing

Wohl auf mich mochte die Trettachspitze warten, sollte sie einmal von einem Kinde der Ebene betreten werden; und mochte in Sonthofener Kreisen auch noch so Entsetzliches von der Trettachspitze erzählt, ihre Ersteigung als noch so tolles Wagstück verurtheilt werden, – der Entschluss stand nun einmal unwiderruflich fest. Zunächst galt es, die früheren Ersteiger dieser Spitze ausfindig zu machen – mir war damals nur von der ersten Ersteigung durch die Jochum's etwas bekannt – im Algäu aber einen "Jochum" suchen, will viel heissen.

Ich spazierte denn eines Abends über Oberstdorf in die Birgsau hinein, erfrug daselbst ein Anwesen, welches einer Familie Jochum gehört und erkundigte mich dort, ob sie die Ersteiger der Trettachspitze unter ihre Glieder zähle. Die Antwort lautete insoweit befriedigend, als ich in der That an die rechte Quelle gekommen war; aber die Leute selbst, die ich brauchte, bekam ich nicht zu sehen, sie waren, wie zur Sommerszeit ganz Algäu, bei der Heuernte auf dem Gebirge beschäftigt. Man gab mir den Rath, nach Einödsbach hinaufzusteigen, dort werde ich einen oder den anderen der Jochum's oder Schraudolph's treffen und weitere Auskunft erhalten.

Ich wanderte weiter, den Bergpfad hinauf; tief bleibt die Talsohle zur Rechten; durch eine schauerlich enge Klamm, die Bacherzwing, brechen die Gewässer des Rappenalpenthales und des Bacher Lochs vereinigt hervor. Bevor der Weg auf die Terrassenstufe von Einödsbach hervortritt, zeigt sich rechts desselben eine, zwischen mächtige Buchenstämme eingezimmerte Kanzel, von welcher man in den tobenden Abgrund hinunterblicken kann. Heutzutage ist die Kanzel wieder in diesem Stande hergestellt, damals aber lag sie, von den Schneemassen des Winters erdrückt, in Trümmern, nur die beiden äussern Balken ihres Bodens waren übrig geblieben. Da brauchte es einen schwindelfreien Kopf, wollte man die Bacherzwing zu sehen bekommen, und nie verfehlte ich, im Vorübergehen den kleinen Abstecher da hinaus zu machen; nicht ohne ein gewisses boshaftes Vergnügen, den bequemen Apparat für den befrackten und bekrinolinten Touristenschwarm zersplittert zu sehen und den Genuss des wildgrossartigen Naturschauspiels auf jene beschränkt zu wissen, die seinen Anblick ohne Balken-Barriere zu ertragen vermögen.

Bei Sonnenuntergang erreichte ich Einödsbach, den höchstgelegenen, ständig bewöhnten Ort Algäus (3516' 1142 m. Sendtner). An der schmalen, grünen Bergstufe liegen die braunen Holzhäuschen traulich beisammen, eine Kapelle dabei, welche ihren Glockenklang in's Thal hinunter sendet zum Abendsegen, und Sturm läutet, wenn die "Lahn" (Lawine) einen Heuer oder Holzarbeiter begraben hat. Tief und düster öffnet gegen Südosten sich das Bacher Loch, in lichter Höhe über den Bergweiden ragen die kahlen, zackigen Wände empor, die breite Doppelpyramide der Mädelegabel, die Trettachspitze, hier eine nadelscharf gespitzte Zinne. Im Westen spreitet dunkelgrau der Griesgundkopf seine buschbehangenen Wände in's Thal, gen Norden öffnet sich, die grünen Flanken des Einödsbergs und der Walser Berge entlang, der Ausblick in die Illerebene, im Südwesten grenzt die Kammlinie des Schrofenpasses an den lichten Abendhimmel, an welchem ein hohes Felsenhaupt des Thammberges, wahrscheinlich die Mohnenfluh, sich abzeichnet. Die scheidende Sonne erhellte eben noch die Mauerkronen des Bacher Lochs, tiefe Schattenstreifen in dieser Beleuchtung liessen jedoch darauf schliessen, dass der Westhimmel keineswegs so rein und wolkenfrei sei, wie jene Lücke über dem Schrofenpass zu hoffen gab.

Die Heuer kehrten von ihrer Tagesarbeit zurück, einer hinter dem anderen auf dem engen Pfade am jähen Berggehänge, hoch über dem brausenden Einödsbach. Tief gebückt gingen sie unter der Bürde Heu, die centnerschwer, in Gestalt eines viereckigen Ballens, auf Schultern und Kopf ihnen lastete und das Gesicht verhing, dass eben noch die Augen unter dem Fransenschleier hervorblickten. Ich fragte den ersten derselben, ob er Jochum heisse und auf der Trettachspitze gewesen sei. Auf Beides erfolgte bejahende Antwort; er erklärte sich gerne bereit, mich auf die Trettachspitze zu führen – zu meiner grossen Verwunderung, ohne sich auch nur um die persönlichen Fähigkeiten und Antecedentien desjenigen zu bekümmern, mit dem er eine solche Tour unternehmen wollte; ja, er bemerkte sogar, dass er schon öfters Herren auf die Trettachspitze geleitet habe. Das war mir zu rund. Auf näheres Befragen ergab sich denn auch, dass er unter der Trettachspitze die Mädelegabel selbst verstehe, und dass die eigentliche Trettachspitze im Einödsthale den Namen Geiskopf (spr. Giiskopf) führe. – "Ja, der Giiskopf, das ist freilich etwas anderes" der ist "hoch" (d.i. steil)." – Er wies mich an seinen Hintermann, den Baptist Schraudolph, eine untersetzte, sehnige Gestalt, mit rothem Barte und hellen, blauen Augen. Ich trug mein Anliegen unter der richtigen Rubrik "Giiskopf" vor. Er meinte, wir wollten das erst besprechen, da hinauf zu steigen, sei noch nie einem "Herrn" eingefallen. Nachdem er sein Heu abgeladen, lud er mich ein, in's Haus zu treten, welches auf der äussersten Südwestecke der Einödsbacher Thalterrasse steht. Dort begrüsste uns ein munteres Weib mit ein paar frischen, gesunden Jungen. Ueberall Ordnung und Sauberkeit; Alles zeugte von einem gewissen, durch Fleiss und Intelligenz erworbenen Wohlstande, und weniger, als in anderen dergleichen Fällen, mochte es hier Wunder nehmen, dass einer Bauernfamilie ein hochberühmter Mann, wie Professor Schraudolph, entsprossen sei. – Ein naher Verwandter, wenn ich nicht irre, ein Neffe von ihm, war es, der mich auf die Trettachspitze geleiten sollte.

Während Schmarrn und harte Eier zum Abendmahle bereitet wurden, besprach ich mich mit Baptist Schraudolph; er mochte aus meinen Reden entnehmen, dass ich mich bezüglich der Schwierigkeit des Unternehmens in keinen Illusionen bewege, und dass die Bergtouren, die ich früher bereits in Ausführung gebracht, mich dazu als fähig erscheinen liessen. Ich erhielt von ihm die Notizen über die Geschichte der Trettachspitze, wie ich sie angeführt, über seine drei vorhergegangenen Ersteigungen, denen er am kommenden Morgen mit mir eine vierte hinzuzufügen gedachte. Bald nach dem Abendessen legten wir uns zur Ruhe; ein reinliches Bett, freilich aus Laubsäckn aufgerichtet, versprach bessere nächtliche Stärkung als das Heulager der Alpen. Unter meinen Fenstern schäumte der Einödsbach durch seine Enge. In sein Rauschen mischten sich bald heulende Windstösse; je öfter ich vom Bette aufsprang uns in's Freie hinausblickte, um so schwärzer zeigte der Himmel sich umwölkt, spärlicher jedesmal die monderhellten Stellen. – Tiefgrau brach der Morgen an, die Wolken hingen dick über den Bergen, zähe Nebelstreifen schlichen durch die Thäler und Schluchten hinauf. Kein Trettachspitzwetter! "Aber ein Wetter zum Weinholen", meinte Baptist, packte die Kraxe mit dem Fässchen auf und wanderte dem Rappenalpenthale zu, über den Schrofenpass in's Oesterreichische zu gehen; ich nach Sonthofen zurück – ein andermal! – –


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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