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Home X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel Steigeisen auf Fels Das Felsenhaupt
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel

Erklimmen des Horns, Grat über den Wilden Gräben

In der Plattenstufe, welche wir zu erklettern hatten, um auf eine kleine Schulter der nordöstlichen Gipfelkante zu gelangen, hatte das abrinnende Wasser mehrfach schmale Rinnen und Gruben ausgehöhlt, vorspringende Steinnasen gaben sicheren Halt, bald auch minderte sich die allgemeine Steile; abgesetzte Schrofen leiteten unsere Schritte rasch und sicher zur nahen Scheitelhöhe; wir hatten damit weitere 100' [30 m] Höhe an der Trettachspitze gewonnen, das Firnfeld, welches zu unserer Rechten geblieben war, lag bereits unter unserem Niveau. Wieder eröffnete sich gegen Osten der Hinunterblick in den Abgrund der Wilden Gräben. Vor uns stieg der Grat auf, Zacken über Zacken, seiner Steile halber nur auf kurze Strecke sichtbar. Er bezeichnete fortan unseren Weg; erinnert man sich, dass es die gleiche Linie ist, welche die Gestalt der Trettachspitze, vom Hochrande der Schwarzen Milz gesehen, zur rechten Seite begrenzt, so darf man sich auf eine gewaltige Steigung gefasst machen, die selten unter 60° bleibt, häufig dieses Mass übersteigt; auf Schneefeldern und überhaupt auf abschüssigen Flächen kaum mehr zu bewältigen, bietet dieser Neigungswinkel auf rauhem, gestuften Fels noch keine unüberwindlichen Hindernisse. Ich habe bei andern Gelegenheiten in analogen Fällen bis zu 72° gemessen, auf Schnee in den bedenklichen Steilen nie mehr als 50°.*)

*) Ein einzigesmal 60°, und dort nur in einer Spalte, auf ca. 25' Höhe [7,5 m]. Vgl. Alpenfreund, VI. Bd., 4. Heft "Auf den Graten des Hallthales".

Schraudolph ging voran und suchte die Linie seiner früheren Ersteigungen; er fand den Grat, trotz seiner starken Verwitterung, seinen allgemeinen Grundzügen nach nicht beträchtlich verändert. Stufen gab es in Ueberzahl; die jähen Abbrüche der Schneide waren selten mehr als mannshoch und nicht allzu schwierig zu erklettern. Die Schärfe des Grates zeigte sich als sehr beträchtlich; in zahlreichen Fällen konnte auf seinem Scheitel der Fuss nicht mehr Platz finden, und obwohl man ganz correkt sagen kann, dass die Trettachspitze auf der nordöstlichen Gratkante erstiegen wird, so steht man doch meist nicht auf dem Grate, sondern abwechselnd auf der Südost- oder Nordwestseite desselben, die Schneide selbst in Brusthöhe neben sich; nicht selten auch hat man sie zwischen den gespreizten Beinen, der eine Fuss steht über den Wänden der Wilden Gräben, der andere über den Firnfeld im Abschlusse des Kars.

Grosse Vorsicht erheischen die zahlreichen losen Blöcke und halb abgewitterten Felsenzacken; scharf aufspringend bieten sie lockenden Anhaltspunkt dem Emporkletternden, ertragen sogar eine erste unsanfte Berührung, gerathen aber unter dem vollen Gewichte des Körpers ins Wanken und stürzen in die Tiefe, den Unklugen, der anders als prüfend an ihnen gerüttelt hatte, unfehlbar mit sich hinabreissend. Schraudolph und ich säuberten damals soviel als möglich den Grat von diesen tückischen Gesellen, die seither jedenfalls wieder in grosser Zahl sich regenerirt haben; manch centnerschwerer Block wurde von seiner unsicheren Grundlage erst völlig losgerissen, bis dass er über die Kante hinaus sich neigte und mit grauenhaftem Gepolter, an den Wänden zu Trümmern zerstiebend, in die Hohe Trettach hinuntertanzte. Mehrfach machte Schraudolph, vor besonders steilen oder engen Gratstellen angekommen, den Vorschlag, mich zu grösserer Sicherheit an's Seil zu nehmen, – eine, man kann nicht anders sagen, als tolle Opferwilligkeit. Das Gewicht eines stürzenden Menschenkörpers würde den durch Seil mit ihm Verbundenen unter allen Umständen ebenfalls von seinem engen Standpunkte reissen und eine Compagnie Catastrophe à la Matterhorn wäre die unvermeidliche Folge.*)

*) Im Führer-Verzeichnisse der Zeitschr. des D.A.-V., Bd. I, Heft 4, findet sich auch die Trettachspitze mit Führer Bapt. Schraudolph aufgeführt. – Da es nicht undenkbar wäre, dass ein nicht hinlänglich geübter Bergtourist an der Trettachspitze sich ein Renommeé zu begründen wünschte, und das Seil, welches Baptist Schraudolph allzu opferwillig anbietet, dann wirklich zur Verwendung käme, so will ich diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne vor solch' unverantwortlichem Leichtsinne eindringlichst zu warnen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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