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Home X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel Die Trettachspitze; ihr Bau, ihre ersten Ersteiger Orographische Stellung und Bedeutung
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel

Geschichte und Mythe der Trettachspitze

Die Trettachspitze hat ihre Geschichte, wie ihre Sage. Das Historische ist Folgendes: die Brüder Jochum, deren Anwesen in der Birgsau liegt und zum grössten Theil in Bergwiesen besteht, deren Heu auf Steigeisen gemäht und auf den Schultern herabgetragen werden muss, waren die ersten, welche, im Jahre 1855, die Trettachspitze betraten. Einer derselben beobachtete eines Nachmittags ein Rudel Gemsen, das die schlanke Dolomitsäule hinaufsprang und bis auf den Gipfel derselben gelangte. Er begann sogleich auf der vorgezeichneten Spur nachzuklettern und kam bis etwa zur halben Höhe der Spitze; anfallender Nebel verhinderte ihn an der völligen Ausführung. Andern Tages unternahmen die drei Brüder gemeinsam die Ersteigung und erreichten auch glücklich den Gipfel.

Baptist Schraudolph von Einödsbach, ein naher Verwandter der Jochum, bewerkstelligte wenige Tage später die zweite Ersteigung und pflanzte die hohe Kreuzstange auf dem Gipfel auf, die viele Jahre lang dort Wind und Wettern Trotz geboten hat.*) Eine dritte Ersteigung erfolgte noch im Herbste des nämlichen Jahres, abermals von Baptist Schraudolph und einer Schwester der Jochum und wurde ebenfalls glücklich zu Ende geführt.

*) Bei meinem Besuche des Jahres 1869 stand sie noch unerschüttert. Im Winter 1871/72 zeigte sie sich bereits bedenklich schief und als ich im Jahre 1873 die Trettachspitze skizzirte, sah ich sie gar nicht mehr. Sie ist auf der Skizze verzeichnet, wie sie ehemals stand.

In der Folgezeit versuchten sich noch einige Sennen der benachbaren Alpen, als verwegener Steiger und Wildheuer bekannt, an der Trettachspitze; unter denen, welche auf dieselbe gelangten, nannte Schraudolph mir zwei Brüder Dannheimer. Anfangs der Sechziger Jahre [1860er] rühmte sich ein aus der Schweiz gebürtiger, auf den Alpen des Taufersbergs (am Fusse der Schafalpenköpfe im Rappenalpenthale) verdingter Senne dem Schraudolph gegenüber, auch er sei auf der Trettachspitze gewesen. Diess veranlasste den letzteren zu einer dritten Ersteigung, und der Befund bewahrheitete die Aussage des Schweizers, es zeigten sich frische Einschnitte an der Kreuzstange. Es mögen sohin bis zum Jahre 1869 etwa 8-10 Personen auf der Trettachspitze gewesen sein; ich kann in Bezug auf dieselbe jendes Prädikat in Anspruch nehmen, welches als herzstärkendes Mittel für die alpenruhmsdürstende Menschheit in so genialer Weise von der Neuzeit erfunden worden: das seiner "ersten touristischen Ersteigung."

Diess ist das Geschichtliche über die Trettachspitze. Man erzählt wohl auch, die ersten Ersteiger hätten auf ihrem Gipfel die Gerippe und die verrosteten Büchsen von Wilderern aufgefunden, die füher ihn erklommen und vom Unwetter überrascht, nicht mehr herunter gekonnt; diese Erzählung entbehrt jeder wahrheitsgemässen Grundlage. Ebenso gehört die gewöhnliche Schilderung der ersten Ersteigung, dass die Schwester der Jochum an dieser theilgenommen, dass die Gesellschaft von den auf dem Gipfel weilenden Gemsen überrannt worden sei, dem Gebiete der Sage an; man wird unschwer die geschichtlich wahren Momente ersehen, aus welchen dieser sagenhafte Bericht sich zusammenkrystallisirte.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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