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Home X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel Kar an den Wildengundköpfen und Firn an der Trettachspitze Erklimmen des Horns, Grat über den Wilden Gräben
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel

Steigeisen auf Fels

Wir querten den Boden des Kars und bewegten uns über die zusammengeschobenen Plattenhügel, über einzelne, schwach geneigte Schneestreifen bequem aufwärts; unsere Richtung ging anfangs etwas gegen Rechts, später gerade auf das Firnfeld zu, um schliesslich links gehalten die Scharte zwischen Trettachspitze und Wildgundkopf zu erreichen. An einem Wässerchen, dme Abflusse des grossen Firnfeldes, machten wir halt und revidirten das Gepäck. Ich steckte das Fernrohr in die Tasche und schnürte die Steigeisen, einen der langen Riemen auslösend, um den Leib. Schraudolph bestand darauf, einen Bergsack mitzunehmen mit seinem Stück Käse, dem unvermeidlichen Seil, welches doch in keinem Falle zur Anwendung kommen durfte, und – dem gesammten Kaffeebereitungs-Apparate. Die Erzählung, dass ich mein Frühstück auf den Felsengipfeln zu bereiten pflege, hatte seinen Beifall in so hohem Grade gefunden, dass er durchaus auch auf der Trettachspitze Kaffee kochen wollte. Wir liessen also einen Bergsack mit dem Ueberflüssigen zurück und setzten uns wieder in Marsch; es ging nun scharf gegen Links, dem Geröllsattel zu, noch immer auf gut gangbarem, wenn auch etwas steilerem Fels. Um die Mauerecke des vortretenden Pfeilers biegend sahen wir den Boden vor unsern Füssen mit Einem Male abgerissen, 1000' [300 m] tiefer und nahezu senkrecht unter uns lagen die Wilden Gräben, zerrisse, schwarzlettige [-lehmige] Bergschluchten. Schmutziggrau zieht durch ihre längste, tiefe Furche der Eisstreif der Hohen Trettach hinauf zur Scharte am Fusse der Mädelegabel, wo er den eigentlichen Gletscher, den Trettachferner, auf der Südseite des Gebirges, mit seinem Haupte berührt, während seinem Fusse die junge Trettach in schäumenden Sätzen entquillt. Jenseits des Abgrundes zieht der schneidige Schwarzmilzgrat zum Kratzer hinüber, an ihn schliessen sich die Hügelwellen des Mädelejochs, über welchen wieder die Krotenköpfe aufsteigen, breite, schroffe, ausgezahnte Felsenkörper; zur Trettach hinab öffnet der Sperrbach seinen nächtig dunklen Schlund und aus der Felsengasse zwischen Sperrbachhütte und Ober-Mädelealp schimmert die weisse Schneedecke seines Lawinenthores. –
"Sie können wohl in die Helle sehen" – sagte Schraudolph, als er meinen ungetheilten Beifall an diesem gewaltigen Aussichtsbilde und meine gänzliche Unempfindlichkeit für die Tiefe des Abgrundes wahrnahm, der hart vor unsern Füssen gähnte.

Wir wandten uns wieder rechts, in's Kar hinein. Der Körper der Trettachspitze, senkrecht auf den Geröllsattel niederbrechend, ist hier noch nicht zu fassen. Wieder ging's über die gerundeten Plattenstufen, steiler als bisher, aber immer noch bequem bergauf. Wir befanden uns im Niveau der halben Höhe des grossen Firnfeldes, als am Fusse eines mächtigen, schräg emporsteigenden Platts Schraudolph Halt machte und erklärte, dass der Angriff beginne. Hier mussten denn auch die Stöcke zurückbleiben, man bedurfte fortan beider Hände zum Felsenklimmen. Schraudolph legte die Eisen an, ich aber huldigte damals noch der Theorie, dass Eisen nur auf einem Boden, der das Eindringen der Spitzen gestatte, als Gras, Letten [Lehm], Schnee oder Eis zu brauchen seien, auf hartem Fels dagegen die Schuhsohle ebenso guten Halt und ein feineres Gefühl für den Punkt des Auftretens gewähren müsse. Diese Theorie liess sich durchführen auf den stufigen Dolomitschrofen des Algäu; ich habe in der That, zu grösster Verwunderung Schraudolph's, die Trettachspitze sowohl auf- als abwärts gestiegen, ohne die Eisen, welche auf seinen dringenden Rath ich gleichwohl mitnahm, an den Fuss zu bringen. Bei meiner ersten Bergtour in den Centralstöcken des Nordinnthaler Gebirges (es war am Hohen Brandjoch bei Innsbruck) [Karwendel] wurde ich sofort gründlich eines Besseren belehrt, und stellte sich mir die eminente Brauchbarkeit der Eisen auch auf den härtesten Felsen, der Halt den sie finden, wo das Auge keine Stufe mehr wahrnimmt, die zarte Empfindung, welche der Fuss bei aller Wucht des Einschlagens für die unbedeutendste Ritze im Gestein bewahrt, sofort zur zweifellosen Gewissheit heraus. Auf den Platten-Gipfeln des Karwendel, auf den Mauerzinken des Wetterstein, auf den starren Klötzen des Mieminger Kammes, bin ich seither mit meinen Eisen verwachsen; heutzutage vermöchte ich nicht die Trettachspitze, noch manchen andern minder jähen Gipfelbau, den ich in früheren Jahren unbewaffneten Fusses erstiegen, ohne Eisen mehr zu gewinnen. Mit den achtzinkigen Oberstdorfer Gliedeisen (eine Construktion, wie ich sie in keiner Gegend, auch in den grossen Gletschergruppen Tirols nicht, wieder fand) fasse ich auch das wildeste Schrofengezack, den blankesten Felskegel getrost in seiner kahlen Flanke, und noch habe ich Keinen gefunden, der ihnen widerstand.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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