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Home XIII. Der Urbeleskarspitz in der Hornbacherkette Umfassende Aussicht Eine passendere Eintheilung der Touren im Hornbachgebiete. Hinab in's Fallerkar
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XIII. Der Urbeleskarspitz in der Hornbacherkette

Besuch von Gemsen

Und der nähern Umgebung wieder zugewendet, ruht der Blick auf den Rasenflanken, den geradlinigen Graten und dachförmigen Gipfeln des Kreuzjoch bei Elmen, – noch einen Sprung in die Nähe und er misst den schroffen Bau des Fallerkarspitzes – in ein paar Stunden, guter Freund! – und an den Nordwänden der Kette hinabgleitend, fällt er wieder zurück in's einsame Hornbachthal. Geheimnissvoll rauschen die Gewässer von dort herauf; vertraut lässt sich dazwischen das Summen der Kaffeemaschine vernehmen, deren Inhalt in Bälde reif ist zum herzstärkenden Genusse. Doch horch! – da mischt sich noch ein drittes, nahes und bestimmtes Geräusch in das Gespräch ohne Worte. Ein leises Rasseln und Prasseln, wie niedergetretenes und ablaufendes Gerölle kommt von Süden herauf, bald tönt's wie behutsames Schleichen, bald wie rascher Sprung – jetzt kommt's unter den Schrofen des Gratscheitels daher gezogen – beim Himmel, ich bekomme Besuch, Besuch von den Gemsen, deren ahnungslos ein ganzes Rudel dort heraufwechselt. Schlaue Thiere! Um den Gebirgsgrat nach der bessern Weide des Urbeleskars zu überschreiten, wählen sie sich nicht eine Scharte, nein, einen unbesuchten Spitz; aber wartet, euch blüht eine Ueberraschung!

Jetzt erreicht die Gesellschaft den Grat, etwa 60 Schritte von mir entfernt, und springt lustig darauf herum; hier oben sind sie ja die alleinigen Herren, unbedroht vom Menschen, dessen Fuss ihnen nicht mehr folgt ........ und nun kommen sie gemächlich, elf Stück, eines hinter dem anderen, den Gipfelscheitel daher gezogen. Nicht wahr, ihr wisst ganz genau, wo's in's Urbeleskar hinunter geht – merkwürdig, ein Anderer hat auch gewusst, wie's auf den Urbeleskarspitz heraufgehtHalloh!! – auf Zimmerlänge waren sie herangekommen, als ich vom Steinhügel emporschnellte und ihnen entgegen auf die nächste Schrofenecke vorsprang. Wie Wettersaus ging's zurück, den Gipfel hinunter, durch die Trümmerrunse gerade unter meinem Standpunkte vorüber, Buckel zu Buckel gedrängt, mehr fahrend als springend, von einem Pelotonfeuer abspringender Steine verfolgt – sie verschwinden hinter den Schrofen – erscheinen wieder an der Abstufung des südlichen Zweigkammes, wo eine tiefe Kluft vom Pretterkar heraufschneidet; wie ein Gedanke rasseln sie über die Platten hinab in den Schlund; eine halbe Minute später erschienen sie auf den Schuttfeldern des Pretterkars, sammeln sich und sehen sich um. – Eine misslungene Urbeleskarspitz-Besteigung.

Während dieses Intermezzo's war der Kaffee fertig geworden, ich streckte mich wieder auf dem Felsenlager zurecht und schlürfte behaglich die duftende Mokkabrühe; stelle meine Betrachtungen an über die Strukturverhältnisse des angeblich unbesteigbaren Gipfels, an dem ich eine Ersteigungslinie bereits erprobt, eine zweite von den Gemsen gesehen, eine dritte alsbald selbst wieder versuchen wollte und eine vierte, die ausserhalb des Bereiches meiner Wanderung lag, für wahrscheinlich ausführbar hielt (längs des südlichen Zweigkammes herauf, eine Ansicht, welche durch Beobachtung vom gegenüberstehenden Fallerkarspitz aus auch ihre Bestätigung erfuhr.). Ich kannte damals noch keine genaue Höhenbestimmung für die Gipfel des Hornbachs, musste dieselben jedoch dem blossen Anblicke nach für nahe Rivalen der Culminationspunkte der Algäuer Centralkette halten. E. Pechmann, dagegen einem, sonst weiter nicht bekannten "Daiserspitz" die Höhe von 8118' 2637 m. Ich trage kein Bedenken, diese Angabe auf unsern Urbeleskarspitz zu beziehen und unter dem "Urbeleskarspitz" Pechmann's den sekundären, durch nördliche Ausbiegung des Hauptgrates von der Pretterspitze weg weit in's Urbeleskar vortretenden Felsgipfel zu verstehen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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