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Home XIII. Der Urbeleskarspitz in der Hornbacherkette Die Hornbacher Kette vom Kanz aus gesehen Alpenglühen an den Hornbacher Gipfeln
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XIII. Der Urbeleskarspitz in der Hornbacherkette

Durch das Jochbachthal nach Hinterhornbach; Erkundigungen

Nachdem ich die nöthige Orientirung mir erholt, kehrte ich zum Joche zurück und verfolgte den Pfad, welcher unmittelbar neben dem Grenzsteine seinen Anfang nimmt, zu Thal.*) In zahllosen kurzen Windungen zieht er abwechselnd über Schrofen, kleine Grasplätze und Gebüsche hinab und eröffnet gegen Rechts den Einblick in eine enge Felskluft, durch welche die stärkste Quellader des Jochbaches in mächtigen Cascaden herabstürzt. Die vielberufene Gefährlichkeit dieses Weges reducirt sich auf einige schwindelerregende, übrigens gut gangbare Stellen; auch ist seine Spur gut ausgeprägt und ein Abirren von derselben wohl nicht denkbar.

*) Wer den oben erwähnten Aussichtspunkt besucht hat, könnte, anstatt zum Joche zurückzukehren, auch den Grat des Kanz gegen Osten verfolgen und über denselben den Weg direct nach Hinter-Hornbach nehmen. Um den Steig zu finden, hätte man den Scheitel des Kammes so lange zu verfolgen, bis dass die Hügel desselben bereits ziemlich starke Krummholzüberwucherung zeigen und man sich dem Weitthal gerade gegenüber befindet. Von hier beginnt der Abstieg gegen Norden, anfangs über steile, durchfurchte Schutt- und Grasplätze von beträchtlicher Breite, hierauf über noch ausgedehntere Wiesenhänge. Zwischen den buschigen Hügeln der tiefer gelegenen Terrasse wird man den querlaufenden Pfad antreffen, welcher, indem man ihn in östlicher Richtung verfolgt, sich sehr bald entschieden, und auf längere Strecke hin abwärts schlängelt, als wollte er zu den Jochbachalpen hinabführen. Später kehrt er sich wieder in die Quere und führt, stellenweise unter Wandstufen hin, meist aber durch Hochwald, am Berggehänge gegen Ost, mündet mit einer linksseitigen Verzweigung auf den Jochbacher Thalweg und mit einer rechtsseitigen direct auf die Wiesen von Hinter-Hornbach aus.

Ungefähr 2000' [600 m] unter der Passhöhe errreicht er die Sohle des Jochbachthales, einen schuttbedeckten, ziemlich umfangreichen Kessel, dessen Ausmündung jedoch bald enger sich zusammenschnürt, daher die Pfadfortsetzung in einiger Höhe über dem linek Ufer des Baches hinläuft; doch senkt sie sich bald wieder herab zum Geröllstrande und leitet an diesem entlang in etwa einer halben Stunde, nachdem die Thalsohle betreten worden, zur Wiesenebene der Jochbachalpen, welche ein enge zusammengebautes, kleines Dorf von Alphütten bilden. Von Norden herab mündet das Weitthal, welches tief in's Gebirgsmassiv hineinschneidet und den breiten Stock des Grossen Wilden vom Fundamente der Hochvogel-Pyramide trennt; über die nächstsichtbaren Bergrücken schaut die höchste Spitze der letzteren auf den einsamen Thalgrund herab. Eine Strecke unterhalb der Jochbachalpen überschreitet der Weg den Bach und steigt an dessen rechtem Ufer ziemlich hoch bergan, die Klamm, mit welcher der Jochbach zum Hornbache hinausbricht, dadurch umgehend. Er läuft sodann horizontal durch Hochwald, die wilde, rauschende Thalenge tief zur Linken, und tritt endlich auf die grünen Hügelgehänge von Hinter-Hornbach aus. Weithin zerstreut liegen die braunen Häuschen, noch eine halbe Viertelstunde entfernt zeigt sich die kleine Gruppe von Kirche, Wirtshaus und Caplanswohnung. Auf einer gedeckten, hölzernen Brücke überschreitet der Weg die Klamm des Jochbaches, welche gleich darauf mit dem ebenso schroff ummauerten Hornbache zusammenstösst. Im Hintergrunde des Thales tauchen die wohlbekannten Gestalten der Krotenköpfe auf; das erste Ziel der Wanderung ist erreicht.

Einschlüssig meines Abstechers nach dem Kanz und meines Aufenthaltes dortselbst hatte ich 6 1/2 Stunden zum Uebergange von Oberstdorf nach Hinter-Hornbach (3322' 1082 m. Gümbel) benöthigt; es war 4 Uhr Nachmittags, als ich anlangte. Der alte Wirth erkannte mich Augenblicks wieder und hiess mich freundlichst willkommen; wir plauderten bei einem Glase Wein von den mehrfachen Bergtouren, die auf jene abenteuerliche Hochvogel-Partie gefolgt waren und von denen, welche die nächsten Tage bringen sollten, deren Zielpunkte mächtig gross auf uns niederschauten.
Ich wünschte Einiges über Namen und Ersteigbarkeit dieser starren Gipfelthürme zu erfahren, konnte aber über die letzere gar keine und über erstere nur sehr unbrauchbare Notizen erhalten. Hinter-Hornbach hat, wie so manche Orte im Hochgebirge, an den Bergen seiner Umgebung eine Uhr und benennt ihre Häupter je nach der Zeit, zu welcher die Sonne über ihnen steht beziehungsweise hinter ihnen verschwindet; so führt der Urbeleskarspitz, dessen gewaltiges Trapez übrigens sehr zusammengeschrumpft erscheint, im Hornbachthale den Namen "Eilferkopf",

Mein Wirth wies mich an einen Bauern, der in seinen jungen Jahren berüchtigter Wilderer gewesen und auf allen Schrofen herumgekommen sei; ich liess mir sein Haus, das eine Terrasse höher am Berghange lag, beschreiben und spazierte, nachdem ich etwas Rast gehalten hatte, hinauf; fand in dem weiland kühnen Felsenklimmer ein eisgraues, gebücktes, an allen Gliedern zitterndes Männlein, stocktaub, dass ich jede Frage ihm in die Ohren schreien musste. Soviel ich aus seinem Kauderwälsch auf meine halb oder gar nicht verstandenen Fragen herauszubuchstabiren vermochte, war es um seine Gebirgs-, – wenigstens Gipfelkenntniss nicht gar gut bestellt; als wir uns mit Mühe über den "Elferkopf", auf den ich ja zunächst es absah, verständigt hatten, sagte er kurzweg, da komme man gar nicht hinauf, wenigstens wisse er nie, dass Jemand hinaufgegangen. Als ich ihn dann auf die Schräge der östlichen Gipfelkante aufmerksam machte und die Ansicht aussprach, in dieser Richtung müsse es doch wohl hinaufgehen, meinte er freilich "Ja, wo eine "Lage" (d.i. schiefe Linie oder Fläche) ist, da kann man überall hinsteigen, wenn Einem nicht graust."

Kurz, ich ging nach Hinter-Hornbach hinab so klug, wie ich herauf gekommen und hatte abzuwarten, was ich morgen mit eigenen Augen sehen würde.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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