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Home XIII. Der Urbeleskarspitz in der Hornbacherkette Von Oberstdorf durch's Oythal auf das Joch [1869] Durch das Jochbachthal nach Hinterhornbach; Erkundigungen
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XIII. Der Urbeleskarspitz in der Hornbacherkette

Die Hornbacher Kette vom Kanz aus gesehen

3 1/2 Stunden nach Aufbruch von Oberstdorf, genau zur Mittagsstunde, erreichte ich die breite, hügelige Passhöhe, auf welcher ein Markstein (No. 126) die Landesgrenze bezeichnet (6206' 2016 m. Gr.-K.); zur Rechten hebt sich das Geschröf des Jochspitzes (6850' 2225 m), welcher den Lechler Kanz als Scheidekamm des Jochbach- und Petersalpen-(Hintersten Hornbach-)Thales entsendet und in Südwest-Richtung an das Rauheck (7308' 2374 m.) anschliesst; zur Linken stehen die Höllhörner, zwei ungemein schroffe, Trettachspitz-ähnliche Felszacken, deren Höhe die Grenzbeschreibungskarte zu 6562' (südl.) und 6563' (nörd. = 2123 m.) angibt, welche demnach eine relative Höhe von ca. 300' [100 m] besitzen. An sie schliesst der Kleine Wilde mit 7078' 2299 m. und der Grosse Wilde mit 7292' 2369 m. Der gewaltigste Gegenstand im Aussichtsbilde, welches das Betreten der Passhöhe im Osten eröffnet, ist der Hochvogel, dessen Pyramide nun frei von allen Vorlagen, blos durch die Tiefe des Jochbaches vom Standorte des Betrachters geschieden, sich darstellt. Ich verfolgte mit dem Auge wieder die zahnige Kante, die ich vor Wochen herabgekommen, die tiefe Felsenschlucht, in welche der Stock mir hinuntergestürzt war, und aus der ich ihn glücklich wieder erbeutet hatte. An den Hochvogel schliesst der zerrissene Grat der Rosskarspitzen, an sein Ende tritt eine schöne, dem Hochvogel nicht unähnliche, doch breiter angelegte Pyramide, der Hochmahdspitz (7287' 2367 m. Kataster?) [Stallkarspitze]. Gegen Osten verläuft vom Fusse des Gebirgs weg das Jochbachthal, eine enge, felsenumschlossene Schlucht, nur an wenig Stellen etwas erweitert und Wiesenplätzen Raum gebend. Im Südosten erscheinen die Häupter der östlichen Hälfte der Hornbacher Kette: Glimspitz (7579' 2462 m.), Fallerkarspitz (7868' 2556 m.), Urbeleskarspitz (8118' 2637 m.) und Pretterspitz (8016' 2604 m.) über der grünen Kammhöhe des Lechler Kanzes, welche in allmähliger Hebung die westlicher gelegenen Spitzen dem Blicke entzieht.

Eine allgemeine Orientirung über das Bergrevier zu gewinnen, in welches als Neuling einzutreten mich anschickte, machte ich vom Joche weg einen kurzen Abstecher quer durch eine Schuttmulde in der Nordostflanke des Jochspitzes nach der jenseitigen Kammhöhe hinüber und erhielt hier in der That nicht allein den gewünschten Ueberblick sondern auch ein grossartiges Aussichtsbild, dessen Genuss ich Jedem, welcher die Tour über das Joch in's Hornbach macht, angelegentlichst empfehlen möchte. Die ganze Hornbacher Kette liegt einem Panorama gleich aufgerollt vor Augen, nicht allein ihre Gipfelreihe, sondern das ganze Gebirge vom Scheitel seiner kahlen Schrofen bis zum waldbekleideten Fusse herab, den es in's dunkle Hornbachthal hereinstellt. An den Pretterspitz, dessen nördliche Ausbiegung den weiten Kessel des Urbeleskars theilweise verdeckt, reiht sich das Zackenpaar der Kreuzkarlköpfe (ca. 7800' 2534 m.), auf sie folgt eine breite und tiefe Depression des Gebirgskammes, wohl die Palschte Scharte der Karten, welche auch einen leichten und gebräuchlichen Gebirgsübergang von der Petersalpe in's Lechthal bildet. Im Westen derselben erhebt sich zunächst eine ziemlich ausgedehnte und stark zertheilte Gipfelgruppe und unmittelbar dieselbe dominirend der Ilfenspitz (8025' 2607 m.), welcher seinerseits wieder mit den Krotenköpfen sich verkettet. Letztere erscheinen in der bekannten Gestalt, die sie dem nördlich gelegenen Gebirge zeigen, aus solch' unmittelbarer Nähe jedoch von ungewohnter Mächtigkeit; das sattelverbundene Zwillingspaar der Oefner- und Krotenspitze mit seinen fein zersägten Gratkanten schwingt gegen Nordwesten sich hinaus und stellt schroff seinen Fuss auf den grünen Bergrücken des Märzle; hinter dem Zackengrate ragt der einschulterige Kegel des Grossen Krotenkopfes empor mit seinem weisslich-grauen Firnfelde. In naher Tiefe unter den scharf abbrechenden Felswänden der Südseite des Kanz breitet die March ihren welligen Weideboden bis hinüber an den Fuss der Krotenköpfe und des Ilfenspitz; ihre Mitte durchschneidet die düstere Hornbachschlucht. Ein Abstieg von der Grathöhe des Kanz auf dieses Wiesen-Plateau liesse sich wahrscheinlich ohne gar grosse Schwierigkeit ausfindig machen, der weitere Hinabweg nach den Peteralpen würde jedoch dem der Gegend Unkundigen wohl kaum gelingen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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