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Home XIII. Der Urbeleskarspitz in der Hornbacherkette Parallelkettenstruktur auch in den Algäuer Alpen Die Hornbacher Kette vom Kanz aus gesehen
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XIII. Der Urbeleskarspitz in der Hornbacherkette

Von Oberstdorf durch's Oythal auf das Joch [1869]

Oft schon hatte ich von den Gipfeln der Algäuer Gruppe aus jene lange Reihe seltsam geformter Felsengipfel mir betrachtet, welche den gemeinsamen Namen der Hornbacher Berge führen; am Hochvogel waren sie zum erstmale unmittelbar, nur durch die Thaltiefe von meinem Standorte getrennt, mir gegenüber gestanden, und hatte ich in ihnen eine ebenbürtige Fortsetzung des Algäuer Centralkammes, Rivalen seiner erhabensten Gipfel erkannt. Auf sie waren meine letzten Excursionen im Algäuer Gebirge gerichtet, langwierige und mühsame Wanderungen. War doch ein voller Tag auf den Uebergang über das "Joch" zu verwenden, um nur an den Fuss jener Berge zu langen, dere Ersteigung beabsichtigt war. Am 2. September fuhr ich mit dem Morgen-Omnibus von Sonthofen nach Oberstdorf, und wanderte über die Trettachbrücke dem Oythale zu. Wasserleer lag nun seine weite Thalebene, die grünen Wiesen der Guten Alpe (3427' 1113 m. Sendtner) von trockenem Schuttbette durchzogen. Die gewaltigen Seewände zeigten nur noch einen befeuchteten Strich, wo ich vor ein paar Monaten einen mächtigen Wasserfall hatte herabstürzen sehen. Nur die weisse Schaummasse des Stuibenfalles im Hintergrunde des Thales war geblieben, doch auch sie hatte in grossem Masse abgenommen.

Als ich auf dem schmalen Pfade von der Guten- zur Käseralpe (4220' 1371 m. Sendtner) emporstieg und an das Brückchen, welches den Bach übersetzt, gelangte, ersah ich die Möglichkeit, am Felsenufer des Gewässers entlang zu gehen und einzutreten in den donnernden, dunstsprühenden Kessel. Das minder Grossartige des Stuibenfalles war durch diese Gelegenheit, sich ihm völlig zu nähern, gewissermassen ausgeglichen. Nach 2stündiger Wanderung trat ich auf die Terrassenstufe der Käseralpe hinaus; an ihren bereits verlassenen Hütten vorüber leitete ein enges, kaum sichtbares Steiglein über die beiden buschüberhangenen Steilwandabsätze zum Wildenfeld mich hinauf*), das schuttumlagerte Felsgerüste der Wilden blieb mir zur Linken, quer über die oberen Weideplätze lief mein Weg der Ausmündung der Schlucht entgegen, welche vom Joche sich herabsenkt. Zur Rechten in der Tiefe breitet das reichbegrünte Thalbecken der Käseralpe sich aus, im Westen steht greifbar nahe die Riesensäule der Höfats, ihre bräunlich-rothe, tief ausgehöhlte Ostseite weisend; gegen Süden trifft der Blick auf die Weidegründe des "Aelpele" au dem Uebergangssattel zum Dietersbachthal, auf die grasigen Gehänge des Rauheck und die Terrasse an seiner Abdachung, welche einen kleinen, lichtblauen Hochsee birgt und mit dunklen, zerklüfteten Steilmauern von einigen hundert Fussen Höhe auf die tiefer liegende Käseralpe niederbricht, den Ueberschuss ihrs Wasserbeckens in glänzend weissem Strahle über diese Wände hinabsendend.

*) Es ist diess ein schlechter, schwer aufzufindender Pfad, in umgekehrter Wegerichtung kaum zu entdecken. Man thut besser daran, sich von der Käseralpe links zu halten, und auf den guten Pfaden, meist längs eines Grabeneinschnittes im Terrassenabfalle gehalten, zur Höhe des Wildenfeldes emporzusteigen.

Wüstes Getrümmer umlagert den Eingang der Schlucht, welche, beiderseits von Felsen geschlossen, bald ziemlich enge sich zusammenzieht und nur dem Wässerchen und dem häufig abgerissenen Wege noch Raum gibt. Nach halbstündigem Anstiege weitet sie sich wieder zu hügeligem, schwach begrünten Boden, links öffnet sich der Ausblick auf die Wilden, zunächst den Kleinen Wilden, dessen Massiv in gewaltiger Steile niederstürzt und endlose Massen von Schutt vom Fusse seiner Grundmauern weg zu Thal führt. Näher dem Joche gelegen, streckt sich vom Wildenfeld bis an den Fuss der Höllhörner ein jähes, berastes Gehänge herauf, von bergtiefen Schluchten durchschnitten, welche unter der grünen Decke das tiefe Grauschwarz der lettigen [lehmigen] "Algäuschiefer" weisen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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