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Home XIII. Der Urbeleskarspitz in der Hornbacherkette XIII. Der Urbeleskarspitz in der Hornbacherkette Von Oberstdorf durch's Oythal auf das Joch [1869]
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XIII. Der Urbeleskarspitz in der Hornbacherkette

Parallelkettenstruktur auch in den Algäuer Alpen

Man pflegt zu sagen, dass der Hauptzug der Algäuer Alpen im Halbkreise um das Quellengebiet der Iller sich herumziehe, und diess ist richtig, insofern der wasserscheidende Kamm darunter verstanden wird; betrachtet man jedoch die Gebirgsmassen in Bezug auf Mächtigkeit ihrer Struktur und Innigkeit ihres Zusammenhanges, betrachtet man sie in ihrem geologischen Baue, so kommt man zu einer wesentlich verschiedenen Auffassung. Das Algäuer Gebirge zerfällt aus diesem Gesichtspunkte in Parallelketten gleicher Art, wie das östlicher folgende Nordinnthaler Gebirge [Karwendel]; und zwar sinn es vier parallele Kämme, welche orographisch die beträchtlichsten Erhebungen in ihren bezüglichen Gruppen, geologisch die älteren Formationen darstellen, gegenüber den zwischenliegenden, gleich hohen Sätteln der diese Parallelketten unter sich verbindenden Gebirgsglieder.

Die erste, nördlichste dieser Parallelkette tritt uns in den Thannheimer Bergen entgegen; nur auf kurze Strecke entwickelt sich aus dem Gewirre der niedrigen, grünen Vilser Gebirge [Vilser Alpen] ein ausgeprägter Kamm, von dominirender Höhe, hohem geologischen Alter (Wettersteinkalk, zum unteren Keuper gehörig), und ausgesprochener westöstlicher Streichrichtung. Die zweite Parallelkette begrenzt das Schwarzwasserthal im Norden, während gegen das Thannheimer Thal eine Gruppe niedrigerer Gebirgszüge, mannigfach zertheilt, ihr vorlagert; sie beginnt am Wildsee mit dem Rauhhorn, welches das höhere Gaishorn als Ausläufer gegen Norden entsendet, während seine Kammfortsetzung, ihrem Hauptmateriale nach aus Hauptdolomit der Alpen (zum mittleren Keuper zählend) aufgebaut, gegen Südosten über das Kugelhorn und den Knappenkopf zum Kirchendach und Kalbeleseckspitz, dann gegen Osten zum Luchespitz und Lailach sich wendet, und mit dem Fireberg über dem Lechthale schliesst. Der Zusammenhang dieser Parallelkette ist nicht sehr auffällig und erscheint auf die lange Strecke zwischen dem Kalbeleseck- und dem Luchspitz sogar völlig unterbrochen; das plötzliche Auftreten so hoher und schroffer Dolomitberge wie Luchespitz und Lailach weit im Osten und inmitten einer Gruppe niedriger, auslaufender Bergzüge, ihre un[v?]erkennbare westöstliche Streichrichtung ist das Moment, welches auch hier die Spuren des zu Grunde liegenden Bauplanes nachweisen lässt.

Verhältnissmässig niedrige Gipfel ziehen von dem Halbcircus, der die Taufersalpe umgibt, als Wasserscheide gegen Süden; jüngere geologische Altersstufen, Gebilde des alpinen Lias und Jura, herrschen vor, und breiten sich im im Westen der Ostrach zu einer vielverzweigten Gebirgsgruppe aus, deren Centrum wieder ein dolomitischer Kamm – Breitenberg, Daumen, Wengenköpfe, Nebelhorn – einnimmt. Über die Nothländ, den Schwarzwasserspitz, die Lerchwand, den Fuchskarspitz, erreicht der wasserscheidende Gebirgszug in wachsender Höhe die dritte Parallelkette, mit welcher er am Kreuzspitz sich verbindet. Diese nimmt ihren Anfang der der Gruppe der Wilden im Oythal, streicht vom Kleinen zum Grossen Wilden anfangs nordöstlich, dann über das Wildenfeld, den Vorder-Wilden und den Kreuzkopf ausgesprochen östlich zum Kreuzspitz, biegt von diesem südöstlich zum Hochvogel aus, sinkt von seiner Höhe herunter zum Sattel zwischen Fuchskar und Kühkar und läuft nun über die Rosskarspitzen in streng östlicher Richtung zu ihrem Endpfeiler, dem Hochmahdspitz [Stallkarspitze] über Vorder-Hornbach. Sie trennt die Thäler Schwarzwasser und Hornbach; der Haupt-Dolomit erfährt in ihr eine Reihe bedeutender Erhebungen, im Hochvogel erreicht er einen seiner hervorragendsten Culminationspunkte in den Algäuer Alpen.

Im Westen dieser dritten Parallelkette und ihrer Kammverbindung mit der vierten breitet das Quellengebiet der Trettach sich aus, scharfgeschnittene, ebenflächige, grüne, aber gleichwohl hohe Gebirgskämme, durch die Steile und Glätte ihrer Grasflanken (z.B. Höfats) berüchtigt. Sie gehören durchweg der jurassischen Formation an, die Algäuschiefer (oberer Alpen-Lias) spielen die Hauptrolle in ihrem Aufbau. Auch der wasserscheidende Grat in seinen hohen Gipfeln Rauheck und Kreuzeck wird von diesen jüngeren Formationsgliedern eingenommen und bis auf die Einsattelung des Märzle von ihnen überdeckt; hier stösst er an die Dolomitwand der Krotenköpfe und verbindet sich mit der vierten Parallelkette. Von dieser ist die westliche Hälfte als Hauptkamm der Algäuer Alpen bekannt; der gewaltige Kamm des Hauptdolomits, welcher vom Biberskopf über den Wilden Mann, die Mädelegabel herüberzieht, am Kratzer Joch und an der Schwarzen Milz vom Ober-Lias durchbrochen sich wieder zur Dolomitruine des Kratzer erhebt, und ihr zum Mädele-Joch herabsinkt, welcher dann über den Muttlerkopf zur Oefnerspitze sich aufschwingt, und südlich den Grossen Krotenkopf, nördlich die Krotenspitze vorstösst, – er setzt ununterbrochen als mächtiges Kettengebirge gen Osten im Hornbacher Kamme sich fort, dessen zackige Gipfel die grünen Bergrücken, welche die Wasser zwischen Iller und Lech theilen, weit überragen. Ueberschaut der Bergwanderer von einem dieser Felsenhäupter das Gewoge der Algäuer Gebirgsgruppe, wie es nördlich vor ihm sich ausbreitet, drei scharf markierte Kammlinien sind es immer, die seinem Auge einen Ruhepunkt gewähren und ihm die Staffagen des Aussichtsbildes auseinander halten: Rosskarspitzen – Hochvogel – Wilde, Lailach – Luchespitz – Rauhhorn, und die kahlen Kegel des Thannheimer Gebirges. Steht umgekehrt er auf dem Kellerschrofen oder der Rothen Flüh [Gimpel], wieder sind es drei Gipfelreihen, die über einander aufgebaut im Süden ihm erscheinen: Lailach – Luchespitz – Rauhhorn, die Rosskarspitzen mit dem Hochvogel, und die Hornbacherkette, anschliessend an die Krotenköpfe, die ihrerseits wieder mit der Mädelegabel sich verbinden. Die Sättel nur, welche den Zusammenhange der einzelnen Ketten vermitteln, sind länger gezogen und bilden begipfelte Kämme, statt wahrer Sättel; die Zwischenlagen zwischen den Ketten sind zu niedrigen Gebirgsgruppen verbreitert, anstatt scharf eingeschnittene Thäler zu bilden. Die Anordnung und Streichrichtung der dominirenden Grate aber ist im Algäuer Gebirge wesentlich die gleiche wie in den Parallelketten des Wetterstein und des Karwendel.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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