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Home XIII. Der Urbeleskarspitz in der Hornbacherkette Alpenglühen an den Hornbacher Gipfeln Längs der Schneekluft auf den Grat
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XIII. Der Urbeleskarspitz in der Hornbacherkette

In's Urbeleskar; Aenderung der Höhenverhältnisse

Früh 1/2 5 Uhr polterte der Wirth die Treppe herauf und weckte mich zur Bergfahrt. Kaffee war auch schon gekocht, und so verliess ich bereits 20 Minuten später das Haus. Die Morgendämmerung verbreitete ihr unbestimmtes Licht über den Thalgrund und seine düstern Waldgehänge. "Fallt nicht ab!" grüsste der Wirth mir nach. Durch's bethaute Gras schritt ich hinunter, dem Hornbache zu; ein Steg brachte mich über die hier nicht sehr tiefe Felsspalte seines Betters auf's jenseitige Ufer, sumpfige Wiesplätze entlang führte eine schwache Pfadspur noch einige hundert Schritte weit thalein und endete am Fusse einer steil anstrebenden, gelichteten Gasse in der Waldung des Berghanges. Der Anstieg begann; im Zickzack ging's über die Felsstufen eine Viertelstunde lang steil bergan, ohne Spur eines Pfades, der kaum erkennbare Steig tritt etwas weiter oben rechts in den Wald ein und kreuzt die Rinne oberhalb der Stufe, mit welcher sie an's Ufer des Hornbaches herabsetzt.

Von hier ab ist der Steig gut ausgeprägt und leitet in mehr oder minder langen Serpentinen consequent der Höhe zu. Zum Unglücke gerieth ich, wenige Schritte bevor ich die Kreuzung des richigen Pfades erreicht hätte, auf eine falsche Fährte, welche in schwacher Steigung nach der linken Seite mich hinüberführte und am Rande der tiefen Schlucht, welche vom Urbeleskar sich herabsenkt, ihr Ende erreichte. Nun hatte ich pfadlos im Walde aufzusteigen, durch Buschwerk und Unterholz, über ein Gewirre umgestürzter, halbvermoderter Baumstämme – ein anstrengendes Stück Arbeit zum Beginne des Tages. Mehrmals kreuzte ich dabei gebahnte Wege, von denen jedoch keiner mir in die Richtung passen wollte. Erst an der Grenze der Krummholzregion gewann ich die rechte Bahn wieder, eben zeitig genug, um von ihr über die Felsstufen des steiler anstrebenden Berggehänges mich geleiten zu lassen. An den engen, galerieenförmig übereinander gelegten Grasbändern klimmt das gut angelegte Steiglein im Zickzack empor, neigt stetig etwas nach der linken Seite und gewinnt in dieser Richtung denn auch schliesslich den Hochrand des Urbeleskar-Grabens, wo sich zum erstenmale eine etwas freiere Aussicht eröffnet.

Die Nordwände des Urbeleskar- und Fallerspitzes erscheinen wieder, merkbar näher gerückt, in der Höhe des Grates; vom Fusse des letzteren weg breitet sich eine ausgedehnte, geneigte Terrassenfläche sich aus, deren Steilabstürze den Urbeleskar-Graben nach der einen, – nach der andern Seite dagegen den Lauf des Hornbaches begrenzen. Der Urbeleskar-Graben selbst, welcher als wenig bedeutende Rinne aus der Umwallung und dem Hügelboden des Urbeleskars austritt, sich aber rasch und beträchtlich vertieft, mündet der Kirche von Hinter-Hornbach gerade gegenüber auf sein Hauptthal aus und treibt hier eine, in ziemlich ruinosem Zustande befindliche Sägemühle.

In meinem Rücken waren über den grünen Thalgeländen die Rosskarspitzen und die prächtige Pyramide des Hochvogel aufgetaucht; letztere so schlank und fein zugespitzt, wie ich noch nirgends sie gesehen; hätte ich diese schwarzen, gelbgestriemten Dolomitwände ein paar Monate früher zu Gesichte bekommen, – mir wäre es sicher nicht eingefallen, da herabzusteigen. Aber so geht es beim Bergsteigen: ein steter Wechsel in den Geschicken, in den Erfolgen und auch in den Ursachen, die sie bedingen. Bald wird das Spiel gewonnen, weil klug der Plan geschmiedet war, bald wird ein Spiel gewagt, obwohl oder vielmehr weil man seine Tragweiter gar nicht kennt – und auch gewonnen. — Der Urbeleskarspitz soll unbesteigbar sein? – Na, warte!

Noch hatte ich keinen Einblick in's Urbeleskar, dessen Höhenrand noch eine beträchtliche Strecke über mir lag. Der Steig bog in's Krummholz ein, der tiefbraune Moorboden des Waldes, welcher bisher seine Fährte bezeichnete, wich dem weisslichen, eckigen Bergschotter; bald laufen die Windungen auf Vorsprünge und Galerieen hinaus, welche den Ausblick über das oberen Hornbachthal mit den Krotenköpfen eröffnen, bald wieder wird der Rand des Urbeleskar-Grabens berührt und öffnet sich weiter und immer weiter der hügelige Kessel am Fusse des angestrebten Gipfels. Nach mehrmals wiederholter optischer Täuschung bezüglich des eigentlich abgrenzenden Höhenrandes weicht endlich der Steig der letzten, schroffer als bisher ausgerichteten Wandstufe entschieden aus; im Krummholze über einige Steintreppen hinauf nach der linken Seite sich wendend, durchzieht er eine kleine Mulde, biegt um die Ecke und läuft fortan fast ohne Steigung quer an den Geröllhalden hin. Zur Rechten herrschen kahle Steilwände; sie gehören dem Zweigkamme an, welcher westlich der Pretterspitze sich ablöst und das Urbeleskar von den am Fusse der Kreuzkarlköpfe hingelagerten Trümmerkesseln scheidet. Wenige Minuten später erreicht der Weg die schäumenden Cascaden des unmittelbar aus dem moosigen Felsgestein hervorquellenden Urbeleskarbaches – das letzte Wasser auf dem Wege zum Gipfel.

Das Urbeleskar, welches ich 2 St. nach dem Aufbruch von Hinter-Hornbach betrat, dehnt sich als breite, noch ziemlich vegetationsreiche Hügelanschwellung in's Herz der Felsmassen hinein. Die endlosen Schuttströme seiner innersten Tiefe berühren eine schmale Mauerscharte zwischen dem westlichen Absturze des Urbeleskarspitzes und der schwach gehobenen Ostkante der Pretterspitze. Eine massige, in mehreren schwarzgrauen Felsstockwerken aufgethürmte Pyramide beherrscht den Südwesten; sie scheint einem Ausläufer der Pretterspitze anzugehören, steht jedoch thatsächlich im Hauptgrate, der hier eine starke Ausbiegung gegen Norden macht. Im Südosten erhebt sich, gewaltig gross, doch seiner bekannten Gestalt nach so gut wie unverändert, der Urbeleskarspitz.

Mit geneigtem, durch eine auffällige Horizontalstufe unterbrochenen Ostgrate erhebt sich das Gipfeltrapez zu seinem breiten, sehr sanft gegen Westen geneigten Scheitel, und stürzt von dessen Eckpunkte äusserst schroff auf die Gratscharte zwischen ihm und der Pretterspitze nieder. Zerklüftete Felsflanken wendet es dem Urbeleskar zu, das ihren Fuss mit hohen Schuttwällen umlagert. Der Gestaltung des Gipfelbaues entsprechend war mein ursprünglicher Plan gewesen, das Urbeleskar nach Südosten zu kreuzen, und quer durch das Felsgehänge, in welchem ich gangbare Plätze in wenig unterbrochenem Zusammenhange wahrnahm, die Gratscharte am östlichen Fusse des Gipfels und damit den Anschluss an seine, offenbar zum Ziele führende Ostkante zu gewinnen. Als ich vom Urbeleskar aus wiederholt meine Beobachtungen anstellte, ergaben dieselben zwar die wahrscheinliche Richtigkeit des ursprünglich gefassten Planes, wiesen aber zugleich auf eine andere, möglicherweise eben so sichere und dann jedenfalls viel kürzere Angriffslinie hin.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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