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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 III. Die Göllkette

Abstieg vom Gamsarchen

Ueber rauhes, stufiges Geschröf stieg ich zur Scharte hinab, jenseits empor, wieder etwas hinunter und einen zweiten, steileren Zacken hinan; der leichte Anfang hatte mich ziemlich vertrauensselig gemacht, ich sah mich bereits drüben auf dem Kuchler Göll [Freieck]. Aber solche Grate, in gerader Gesichtslinie ganz harmlos zu überblicken, entfalten ihre Längenausdehnung, enthüllen ihre Hindernisse erst dem Eindringling gegenüber und häufig erst dann, wenn dieser weit genug sich eingelassen hat, um nicht gerne mehr umzukehren; auch ich sollte bald genug diese späterhin noch oft erprobte Wahrheit erfahren. Kaum, dass ich an den zweiten, höheren Felsthurm herangetreten, schnürt schon der Gratscheitel auf Schrittbreite sich zusammen, Steilwand gegen Süden schneidet die bisher so bequem gebotenen Umgehungen nach jener Seite hin ab, ein finsterer Brunnenschacht, nordwärts, zum wüsten Trümmerkessel des Wilden Freidhof [Wilder Freithof] abschiessend, durchreisst das Gewände und seinen Grat, und sperrt in bedenklicher Weise den Weg; – ich wollte ja eigentlich nur nachsehen, wo das Hinderniss liege?! – Das war lange vergessen, zwei Schritte noch können gethan werden, also zwei Schritte noch vorwärts, am engen Mauerbande hin in's Innere der Kluft hinein, – drüben sehe ich wieder eine Stufe, – ein langer Tritt frei durch die Luft, den gähnenden Schacht zwischen den Füssen, suche ich an der jenseitigen Felsenrippe einen verlässigen Haltepunkt für die linke Hand; diese gefunden, trägt ein leichter Schwung über die Kluft mich weg, ein rasches Aufklimmen bringt sicheren Boden unter den Fuss, der Wilde Freidhof ist nun um seine Beute geprellt. Aber zurück? – – Jetzt hatte ich mich mit meinem Gegner verbissen.

Den gekrümmten Rücken des Zackens hinan bewegte ich mich auf schrittbreitem, kahlen Plattenboden; ein tiefer, finsterer Längsspalt begleitete meinen Weg; ein arges Zerstörungswerk nimmt hier seinen Anfang, das völlige Zerreissen dieses Felsenkörpers, das Hinabstürzen seiner nach Millionen von Centnern zählenden Last zur einen Hälfte in die Blüntau [Bluntau], zur anderen in den Wilden Freidhof, ist nur noch eine Frage der Zeit; wer vom Hohen Göll aus Zeuge sein könnte dieses Höllenspektakels. –


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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