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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 VII. Das Haagen-Gebirge

Von Mitterberg nach Werfen; erwünschte Auskunft über den Anstieg [1873]

Das wankelmütige Wetter des September 1873 hatte lange mich herumgenarrt, bis es die Bergtour mir gestattete, mit welcher ich meine diesjährigen Wanderungen zu schliessen gedachte. Nach Westen zog ich aus, das mächtige Felsmassiv zu umkreisen – von Osten wollte ich zurückkehren, nachdem ich die Gipfel des Haagengebirges besucht. Hirschbühl [Hirschbichl], die schauerliche Saalachenge zwischen Frohnwies und dem Pinzgau, Saalfelden, Alm [Maria Alm], Hinterthal [Hintertal], die Mühlbach-Alpen besuchte ich wieder; in zusammenhängender Weglinie diesmal, während vor fünf Jahren ich nur, von Gipfelhöhen kommend, einzelne dieser Punkte berührt, manche von ihnen nur gesehen hatte. Watzmann, Hochkalter, Hocheisspitze, das Steinerne Meer und der Hochkönig auf der Uebergossenen Alp zogen wieder an meinen Augen vorbei. Sie kannte ich bereits, zu ihren Scheiteln zog mich's nicht hinauf, wäre es gleich schön gewesen dort oben an jenen schönen Tagen. Dringenderes hatte ich an ihrem Fusse, an den Gehängen der Dientener Schieferberge zu schaffen. Die kühnen Formen jener Kalkgebirge, dem Gedächtnisse wohl frisch lebendig noch, aus diesem aber nicht übertragbar, sollten greifbare Gestalt gewinnen, auch Anderen gegenwärtig zu werden; der dritte und der vierte Band der Notizbücher von 1873 füllte sich mit ihren Profilskizzen, von denen manche die Beschreibungen in diesem Buche illustriren.

Am 27. September übernachtete ich im kleinen Wirthshause auf der Höhe des Kupferbergwerkes Mitterberg (4655' 1512 m. Keil) und wanderte am anderen Vormittage durch die sogenannte Hölle hinab nach Werfen; ein äusserst genussreicher Weg mit prachtvollen Rückblicken auf's Ewige-Schneegebirge [Übergossene Alm] und seine Vorläufer, die Manndelwand [Mannlwand] und Doossäule [Torsäule]. Auf der moorigen Hochfläche der Grünmaisalpen erscheint das südwestliche Tennengebirge, ein vielgipfeliges Plateau; ich hielt es anfänglich für das Haagengebirge und skizzirte seine Ansicht, wurde jedoch im Weitermarsche bald meines Irrtums gewahr. Im Absteigen gegen die Hölle gewahrte ich über den bewaldeten Rücken des Hirschkopfs [Hirschkogels] und Imelaugebirges [Imlau] ein schönes, felsiges Gipfelpaar, eine breite Kuppe und ein schlankeres, gegen Osten geneigtes Horn. Das war ein Stück Haagengebirge – der Keil'schen Karte zufolge dachte ich Hochg'schier [Hochgschirr] und Riffelkopf vor mir zu sehen, und der Befund an Ort und Stelle wies nach, dass ich mich nicht getäuscht.

Um die Mittagsstunde war ich in Werfen.

Wo und wie ich nun zum Haagengebirge ansteigen sollte, darüber war ich noch sehr unschlüssig, kannte ich in seinem Inneren ja weder Berg noch Tal. Das Hochg'schier sollte der Keil'schen Karte zufolge der höchste Punkt auf dem Gebirgsstocke sein, und dieser an seinem Südrande liegen. Das Blühnbachthal war sonach der höchste Talboden, welcher als Ausgangspunkt nach meinem Ziele dienen konnte, es blieb jedoch in Frage, wie es mit der Ersteigbarkeit des Plateaurandes von dort aus bestellt sei, dessen Absturz ich nach Analogie des Steinernen Meeres und Ewigen Schnees [Übergossene Alm] als einen sehr steilen voraussetzen zu müssen glaubte. Mir selbst überlassen, wäre ich vermuthlich nach Golling marschirt und hätte des anderen Morgens die Ueberwanderung des gesamten Hochplateaus angetreten – ein ungeheurer Umweg, welcher durch einen günstigen Zufall mir erspart blieb. Auf der Post zu Werfen wurde mir mitgetheilt, dass der Herr Oberjäger von Blühnbach sich eben hier befinde, und von ihm erhielt ich bereitwilligsten und genauesten Aufschluss.

Er rieth mir an, im Jagdschlosse Blühnbach zu übernachten und von dort aus zum Hochg'schier anzusteigen. Der Wege vom Süden her auf's Haagengebirge gebe es genug und einer davon führe hart am Hochg'schier vorbei und nach Golling hinunter; für meine Kenntniss des Haagengebirges würde diess der förderlichste sein. Auf meine Frage, ob das Hochg'schier in der That der höchste Punkt des Haagengebirges sei, konnte ich jedoch keinen genügenden Bescheid erhalten; der Herr Oberjäger meinte, es seien alle diese Kuppen ziemlich gleichhoch, und gleichgültig, welche davon man besteige.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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