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Home VII. Das Haagen-Gebirge Von Mitterberg nach Werfen; erwünschte Auskunft über den Anstieg [1873] Das Jagdschloss Blühnbach. Passwege aus dem Blühnbachthal
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 VII. Das Haagen-Gebirge

Das Blühnbachthal und sein Gebirgshintergrund

Ich nahm Nachmittags 2 Uhr meinen Marsch wieder auf, der erhaltenen Anweisung zufolge in's Blühnbachthal hinein. Auch diesen Winkel des Berchtesgadener Landes hatte ich zwar schon früher gesehen, nicht aber betreten. 20 Minuten weit leitete mich noch die Poststrasse, über den Hügel, auf dessen Scheitel die Burg Werfen thront, ehedem ein Schlüssel des oberen Salzachthals. Tief unten in der Schlucht des rauschenden Bergstroms, so einsam und verlassen sonst, herrschte rege, lebendige Thätigkeit: Berge werden dort abgetragen, Berge an anderen Stellen wieder aufgeführt. Bald wird der schrille Pfiff der Lokomotive von diesen Felsenwänden wiedergellen und eine Schienenstrasse mehr die Alpenfreunde aus Ebene mit Zauberschlag in's Herz der Gebirge versetzen*).

*) {Im Jahre 1873 begann der Bau der Salzburg-Tiroler, oder Gisela-Bahn.}

Bei dem Eisenwerke Sulzau [Tenneck] biegt ein schlechter Fahrweg links von der Landstrasse ab und zieht alsbald ziemlich steil in die Höhe; an mehreren Gehöften vorüber leitet er von der Wiesenterrasse in Hochwald ein, die Sohle des Blühnbachthales, vom schäumenden Bache erfüllt und eingenommen, bleibt tief zur Linken; zu wiederholten Malen kreuzt der Weg Lichtungen des Waldgehänges und begegnet auf ihnen vereinzelten Häusern. Die Gebirgsansicht trägt wenig bei, die Eintönigkeit dieser Wanderung zu mindern. Vom rechtsseitigen Haagengebirge erblickt man nichts, als die untersten Waldböschungen und Geröllschütten, zur Linken begleitet das Thal der geradlinige Kamm des Imelaugebirges [Imlau], den Ewigen Schnee [Übergossene Alm] hinter sich verbergend.

Nach nahezu zweistündigem Marsche erst öffnet sich der Thalhintergrund – und in ihm erhält die Landschaft einen Rahmen von seltener Schönheit und Grösse. Vom Ewigen Schneegebirge [Übergossene Alm], dessen Scheitel sich noch immer verborgen hält, herunter ziehen dichtbuschige, breite Bergkegel in's Thal hinein, rechts ragen die Felsabstürze der Tannthalköpfe und das Hochg'schier [Hochgschirr] herein. Zwischen beiden spannt sich das Gipfelpanorama des Wildalm- und Röthgebietes. Der Doppelzacken des Marterl – über dessen Höhe der Uebergang nach der Urschlauer Scharte [Torscharte], nach Hinterthal im Dientener Gebiete führt; rechts davon das spitz erhobene Reisshorn, – der gedehnte Rücken des Langeck, von schneegefleckten Trümmerkaren umlagert; das breit dreieckige Alpriedelhorn und der noch flacher gestreckte Rücken, von welchem der Neuhütter in die Röth hinein sich abzweigt; zwischen beiden die Mauerscharte oder das Grosse Wildtor. Noch weiter gegen Norden der schrofige Höcker des Schlossköpfels, das Blühnbachthörl – der Pass nach dem Ober- und Königssee – und endlich ein prachtvolles, ungleiches Spitzenpaar, drohend dem, der seinen Scheiteln sich naht, herzerhebend für jene, der auf ihnen bereits gestanden. Und ich kenne sie wohl, die Teufelshörner!


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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