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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 VII. Das Haagen-Gebirge

Nachtlager im Jägerhüttchen. Morgenarbeit

Bald nachdem der Abendschmarrn verzehrt war, streckten wir uns auf's Strohlager. Der Tages über bewölkte Himmel hatte sich geklärt, die Sterne funkelten über den Bergen, bald auch stieg der Mond herauf und bleicher Schein ergoss sich über die Felsenhügel. Ich lag neben dem kleinen, kaum einen Quadratfuss messenden Fensterchen und blickte nicht selten hinaus, nach den Aspekten des Wetters zu spähen.

Bis nach Mitternacht blieb es hell und rein, gegen Morgen aber wurde es trübe, der Mond barg sich hinter den Wolken und nur ein ungewisser Schimmer verrieth noch seine Anwesenheit. Als wir um 5 Uhr uns erhoben und vor die Hütte traten, da war der ganze Himmel grau, die Berggipfel jedoch noch frei. Auch die Göllkette im Norden, die wir gestern nie zu sehen bekommen, zeichnete scharf ihre bleifarbenen Zacken vom Firmamente ab. Ich befürchtete das Schlimmste; um wenigstens einen Zweck meiner Haagengebirgstour in Erfüllung zu bringen, stieg ich rasch ein Stück weit gegen die Hirschwiese [Hochwies] an, bis der ganze Göllgrat vom Hochbrett bis zum Freieck frei vor mir stand, und nahm sein Profil auf.

Es war bitter kalt und kaum vermochten die starren Finger den Stift gehörig zu führen. Während ich an der Arbeit war, ging die Sonne auf, die vergoldeten Wolkenränder verriethen ihre Ankunft. Das Erscheinen des Tageslichtes brachte rasch einen Wechsel in die Himmelsscenerie und einen Wechsel der günstigsten Art. Nicht jene momentanen Hellen, jene blauen Schimmer waren es, welche der Sonnenaufgang an geballtes Gewölke malt, um es wenige Minuten darauf noch schwärzer und schwerer erscheinen zu lassen als vordem; – nein, es war wirklich loses, gebrochenes Wolkengekräusel, das so trüb und regendrohend im Dämmerschein sich ausgenommen hatte. Im fernen West, über dem Teufelshorn und den Felsrücken der Wildalm, über dem Kahlersberg und Watzmann lag bereits klares Himmelsblau und immer breiter und zahlreicher wurden die Lücken am Horizont wie im Zenith.

Nachdem ich meine Skizze beendet, kehrte ich zum Jägerhüttchen zurück und traf meinen Schlafgenossen bereits mit Zurichtung des Frühstücks beschäftigt; auch ihn hatte der plötzliche Umschlag des Wetters nicht wenig überrascht, und er freute sich gleich mir dem Besuch des Grossen Tannthalkopfes, den er selbst noch gar nicht betreten. Denn mit Ausnahme der Treibjagden, welche nur alle zwei Jahre stattfinden, gehen auch die Jäger nicht in's gehegte Revier – es sei denn, dass sie eine unbefugte Störung darin wahrnähmen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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