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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 VII. Das Haagen-Gebirge

Vorschläge für die Ersteigung des Grossen Tannthalkopfes

Vorschläge für die Ersteigung des Grossen Tannthalkopfes, für den Fall der Rücksichtnahme auf touristische Interessen, sowie für ein eventuelles Gegentheil.

Und nun ich die Rundschau von diesem unbekanntesten Gipfel eines unbekannten Gebirges geschildert und in dem einen oder anderen meiner Leser vielleicht den Wunsch wachgerufen habe, ihn ebenfalls zu besuchen, möchte ein kurzer Vorschlag über den zu wählenden Weg am Platze sein. Mit Rücksicht darauf, dass die Gemsen möglichst wenig aus dem gehegten Reviere hinaus in unruhigere Gegenden versprengt werden sollten, wäre der Weg von Osten her, vom Tiefenbach aus, als der geeignetste zu bezeichnen. Doch ist von dort nach dem Gipfel mehr als das halbe Tannthalgebirge zu überwandern, und da das Wild, einmal aufgestört, keineswegs in gerader Linie von dem Punkte der Störung sich entfernt, es also überhaupt mehr auf Beschränkung der Ausdehnung und Dauer der Störung, als auf deren Richtung ankommt, so wäre einem geraden Anstieg vom Jägerhüttchen aus der Vorzug zu geben.

Dieser Anstieg sollte jedoch bedeutend westlicher, aus dem Innern des Rossfeldes angetreten werden, als wir, in Unkenntnis der Lage des eigentlichen Gipfels, ihn bewerkstelligten. Die ganze Mulde westlich des Pilzkogels [Bitzkogel] bliebe dabei vermieden und eine einzige Thalung des ganzen Gebirges überhaupt wäre es, aus welcher die Gemsen aufgestört würden; zudem würden sie dadurch nach solchen Stellen des Randgrates gesprengt, von welchen sie der Steilwände wegen in's Blühnbachthal nicht hinunter könnten; sie wären daher genöthigt, östlich oder westlich in Nachbarmulden des Tannthalgebirges auszubrechen, und würden dort, wo sie keine Störung mehr wahrnehmen, aller Wahrscheinlichkeit nach sich wieder halten. Dieser westlichere Anstieg wäre vermutlich Anfangs etwas steil, doch keineswegs unausführbar oder auch nur schwierig*).

*) Nur für den Fall, dass meine Vereinbarungs-Vorschläge seitens der Jagdherren kein Gehör fänden, will ich dem Alpenwanderer mit einem Rath an die Hand gehen, den Großen Tannthalkopf nötigenfalls auch auf eigene Faust zu besuchen. Es bietet sich ihm dazu eine doppelte Möglichkeit, obwohl er selbstverständlich im Blühnbachthale sich vorher nicht blicken lassen dürfte. –
Erster Weg: Er hätte von Golling aus, unter dem Vorgeben über das Torrener Joch zu gehen, anfangs im Blüntauthale [Bluntau], aus diesem aber ablenkend zur Rifl-Alpe [Hiefl-Alm], Rennanger- und Fielinger-Alpe [Anger-, Filling-Alm] aufzusteigen und hier zu übernachten (nicht auf der Schönbichelalp, wo er dem Jägerposten zu nahe wäre.) Anderen Morgens nun, unter der Angabe, über den Tiefenbachsattel nach Blühnbachschloss zu gehen, über den Tristkopf und die Schönbichelalp in den Tiefenbach zu wandern, und, ist er unbeachtet bis dorthin gekommen, westwärts hinauf auf's Tannthal. Bei Verfolgen des Weges nach dem Gipfel hätte er sich immer möglichst nahe dem Südrande zu halten, sodass weder er, noch auch die Gemsenflucht, die er verursacht, unten bei der Jägerhütte möglichst auffielen. –
Zweiter Weg: Von den Röth-Alpen durch die Eisgräben auf den Wildpalfen und über den Blühnbachkopf herüber in's Sulzenkar; zwischen Raucheck und den Paradieskögeln [Paradiesköpfe], immer der tiefsten Thalung nach, bis an den Nordwestfuss des Tannthalstockes. Hier Bivouak, anderen Morgens mit dem frühesten in Ost-Richtung auf den Gipfel.
In beiden Fällen wäre der Abstieg möglichst rasch nach dem Tiefenbache und in's Blühnbachthal zu nehmen; auf allenfallsiges Befragen die Angabe, man käme von Golling über die Fielinger- und Schönbichel-Alp. –
Der zweitgenannte Weg wäre der Jagd am schädlichsten, da er seiner ganzen Länge nach, vom Blühnbachkopf her bereits, gehegtes Revier durchzieht und das Tannthalgebirge in seiner ganzen Ausdehnung und just in der Richtung auf unruhige Reviere hin durchstört. –
Ich betone auch wiederholt, dass diese Ratschläge nur für den Fall gelten sollten, dass von jägerischer Seite auf touristische Interessen gar keine Rücksicht genommen werden sollte, dass namentlich das Anerbieten, eine etwa bevorstehende Treibjagd abzuwarten, oder in Begleitung eines Jägers den angewiesenen Weg zu gehen, auf einfache Zurückweisung stiesse; ich hoffe von der wohlwollenden Einsicht der Blühnbacher Jagdherren, dass sie nicht in praktische Anwendung zu treten brauchen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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