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Home VII. Das Haagen-Gebirge Täuschung bezüglich der Lage des Gipfels Vorschläge für die Ersteigung des Grossen Tannthalkopfes
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 VII. Das Haagen-Gebirge

Grossartige Rundsicht

Nur eine Stunde hatte vom Jägerhüttchen aus unser Anstieg gewährt. Der  Karte:
http://www.austrianmap.at/tp.asp?s=4%7C-18472%7C262505%7C0 Gipfel, auf welchem auffälliger Weise nicht, wie auf mehreren anderen der Tannthalköpfe, ein Signal steht, bietet einen ebenen, 15-30 Schritte breiten Platz, meist grasbewachsen, an mehreren Stellen bricht die kahle Platte durch die Bedeckung. Der Steilabsturz des ganzen Bergmassivs gegen Süden ist ziemlich nahe; der Boden des Blühnbachthales wird nicht sichtbar. Gegen Norden und Westen dehnt die vielfach getheilte Hochfläche des Tannthalstockes breit und flach sich hinab. Im Osten überblickt man Theile des Plateaus bis an den Pilzkogel [Bitzkogel] hinaus. Auch letzterer scheint eine nicht unbeträchtliche Höhe einzunehmen. Die Messung der Keil'schen Karte für denselben mit 6825' 2271 m. dürfte zu niedrig gegriffen sein [2256 m]. Den höchsten der Tannthalköpfe selbst, auf welchem wir uns befanden, visirte ich mit dem Klinometer höher als den Schneibstein, was vollständig damit übereinstimmt, dass der Keil'schen Karte zufolge schon dem Hochg'schier [Hochgschirr] nahe die gleiche Höhe wie dem Schneibstein zukommt; der Culminationspunkt des Tannthalstockes dürfte sonach ca. 7000' 2274 m. *) Höhe besitzen [2288 m]. Die Lengthalschneid, für welche der Jäger gestern eine Lanze eingelegt und welche in der That ziemlich auffällig aus dem Haagengebirge sich erhebt, erwies sich als entschieden niedriger [2228 m].

*) Woher die jüngst erschienene dritte Auflage des Handbuches der Erdkunde von G. A. v. Klöden ihre Höhenangabe "Haagengebirge 7590' 2465 m." schöpft, ist mir unverständlich. Eine solche Höhe kommt weder dem eigentlichen Haagengebirge noch auch seinen Nachbargipfeln, dem Kahlersberg und dem Grossen Teufelshorn zu.

Fast überall an den grünen Plätzen und Köpfen in näherer und fernerer Umgebung entdeckten wir Gemsen. Sobald unser Marsch aufgehört hatte, war auch ihre Unruhe zu Ende, sie nahmen ihre Aesung wieder auf, zogen friedlich hin und her, näherte sich uns sogar, obwohl manche ihrer Bewegungen darauf schliessen liessen, dass sie uns gar wohl beachteten. Auf der sonnigen Wiesenabdachung des westlichsten der Tannthalköpfe (vielleicht das Kleine Raucheck der Keil'schen Karte) weideten ihrer an 50 Stück, meist junges Volk, die harmlos scherzten und sich jagten. Auch östlich von uns erschienen die zierlichen Thiere wieder, auf eben den Köpfen, von welchen wir vor einer halben Stunden sie vertrieben hatten. Der Jäger begann sich zu beruhigen und meiner Ansicht, dass es mit der Gemsenversprengung durch eine einfache, geradlinige Bergersteigung nicht gar so gefährlich sei, halb und halb zuzustimmen. Vermuthlich war nach einigen Tagen, vielleicht am gleichen Abende schon, die ganze Gesellschaft wieder oben auf dem Tannthal.

Die Aussicht, welche wir bei günstigster Witterung auf dieser Höhe genossen, war nicht weniger genussvoll als lehrreich für mich. Das ganze Haagengebirge lag zu meinen Füssen hingebreitet, ein wogender Teppich von Stein. Ueber das tief heruntergedrückte Raucheck hinweg traf das Auge auf die flachen Rücken des Blühnbachkopfes oder Jägerbrunntrogs und der Sulzenkarhöh'. Darüber erhebt das Grosse Teufelshorn seine schlanke Kegelgestalt. Dann folgt im Südwesten formloses felsenkahles Gewoge, aus welchem nur die Hohe Sail [Hochsäul] als steil abgehackter Rundhöcker hervortritt. Hinter diesem öden, gipfelarmen Gebirge, das mit den Grauen Köpfen [Kragenköpfen] an den Kahlersberg anschliesst, liegt das Wildalpl, das Hanauer Laabl, die Laubgasse und der Bärensunk. Das weitere südwestliche Panorama erfüllt das Steinerne Meer mit seinem Gipfeln, unter welchen besonders der Hundstod, von hier gesehen eine prachtvoll regelmässig aufgespitzte Pyramide, in die Augen fällt. Dann folgt im Westen der Kahlersberg, ein hoher, sanft geschwungener Dreieckgipfel; vor ihn hingelagert die Lengthalschneid; im Nordwesten die Königsseer Berge, Fagstein, Reinersberg und Schneibstein, nah am Kahlersberge der Grosse Watzmann. Gen Norden dehnt das ganze Hochplateau in flachen, mit Krummholz und Walddunkel gefleckten Felsenwellen sich hinunter der Rothen Wand im östlichen Ausläufer des Schneibsteins. Ueber die nahe, doch tief zu unsern Füssen liegende Hirschwiese [Hochwies] sieht jenseits der Blüntau [Bluntau] die zackige Göllkette herüber. Im Nordost die grünen Berge des Salzburger Landes und Salzkammerguts; im Osten die Felswüste des Tennengebirges. Im Süden der Juwel der Aussicht, die Uebergossene Alp, und ein Juwel von Riesengröße; den halben Himmel füllt er an mit Demantglanz, nicht lange vermag das Auge ungeblendet auf seiner Fläche zu verweilen, aber immer wieder kehrt es zurück zu diesem Bilde reinster, makelloser Pracht.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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