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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 VI. Die Hocheisspitze

Von Hirschbichl über die Mittereis- und Hocheisalpen in's Hocheis [1868]

Die Hocheisspitze war bestimmt, den Schlussstein meiner Berchtesgadener Bergfahrten zu bilden; sie allein stand noch unberührt von mir, nachdem die anderen hohen Häupter alle bereits gefallen waren. Am 5. September 1868 erschien ich wieder auf dem Hirschbühl (3655' 1187 m. Keil) [Hirschbichl, 1153 m]. Im Kreise einiger Bekannten aus Berchtesgaden, welche für den morgigen Tag eine Tour auf das Kammerlinghorn beabsichtigten, wurde an Wein und Schlafenszeit etwas mehr consumirt, als den beiderseitigen Plänen eben zuträglich war. Die Nacht verlief unruhig, Fuhrwerke kamen und gingen; ich war um 3 Uhr bereits wieder wach und es zeigte sich in der Folge, dass auch die andere Gesellschaft nicht viel später an der Zeit war. Auch in der Küche war es bereits lebendig; ich bekam noch Kaffee, bemühte mich aber vergebens, eine Flasche zu erhalten, um Wasser darin zu fassen; die Leute hatten es offenbar darauf abgesehen, mich zur Abnahme einer weingefüllten Flasche zu nöthigen; und eigensinnig, wie ich nun einmal bin, ging ich infolge dessen ohne jegliche Flasche.

Noch dämmerte über den Bergspitzen im Osten kein Morgenlicht; ich hatte Mühe, den mir bereits bekannten Weg zu den Mittereisalpen durch das tiefe Walddunkel hinauf zu verfolgen; derselbe zweigt etwas nördlich vom Mauthhause von der Landstrasse ab, geht daher zunächst in entgegengesetzter Richtung von jener aus, welche die Kammerlinghorn-Besteiger einschlagen. Zwischen mir und der Gesellschaft, welche dorthin zielte, lag für die ganze Länge unseres Weges der Rücken der Mooswand, des Karl- und Kammerlinghorns, beziehungsweise des von letzterem ausstrahlenden Zweigkammes, welcher mit dem Kleineishorn [Kleineishörnl] in's Hocheisthal niedersetzt. Erst auf den Gipfeln sollten wir uns wieder zu Gesichte bekommen, nahe genug, um Rufe hin- und herüber zu senden, aber getrennt durch unergründliche Tiefen.

Nach 3/4 Stunden war die erste Terrassenabstufung des Gebirges, der Eingang ins Hocheisthal, erreicht. Kaum unterscheidbar zeichneten aus dem Düster der Nacht die kleinen Hütten der Mittereisalpen*) sich ab; durch's feuchte Gras der Alpwiese verfolgte ich meinen unsichtbaren Pfad. Zur Rechten an der Hügelböschung rauscht das Wässerchen, welches die in fünf Etagen übereinander gelegenen Viehtränken füllt; dort zieht der Steig durch Wald und Gebüsche hinauf in's Kleineisthal; durch's Krummholz seiner hohen Terrassenstufen, über die Graslehnen und Geröllschütten des Kleineis gelangt man dort hinauf zum Karlboden – eine veränderte Anstiegsrichtung auf das Kammerlinghorn. Ich hatte sie bei meiner Tour auf dieses und das Hohe Kammerlinghorn im Rückwege kennen gelernt; meiner damaligen Wanderung verdankte ich auch die Kenntniss des Weges, der mich bisher geleitet; weiter hinein in's Hocheisthal war mir derselbe unbekannt, und daher mehr als zweifelhaft, ob ich im Dunkeln ihn würde zu finden vermögen. Noch zögerte aber die Helle; wohl mochte der erste Dämmerschein bereits heranbrechen, aber eben im Osten, woher das Licht mir kommen sollte, starrte der Felsenwall beschattend mir entgegen.

*) Auf der Keil'schen Karte als Mittereckalpen bezeichnet.

Ich versuchte gleichwohl einen Aufenthalt zu vermeiden und den Pfad auch im Dunklen zu finden; nach kurzem Suchen am jenseitigen Saume der Alpwiese schimmerte auch wirklich ein in's Krummholz sich hineinziehender, lichter Streif mir entgegen und weniger Schritte in dieser Richtung weiter belehrten mich, dass ich auf rechter Fährte sei. Von Legföhren umrankt schlängelt der Steig sich eine neue, ziemlich stark gehobene Abstufung des Thalbodens hinan; in schräg links gezogener Richtung gewinnt er die höher gelegene Terrasse. Zur Rechten strebt das Kleineishorn [Kleineishörnl] als plumper Mauerkegel mitten in den Thalgrund herein; zur Linken ragt zerklüftetes Gewände empor, es gehört dem Zweiggrate der Hocheisspitze an. Im Hintergrunde beginnt der Felsencircus sich aufzuthun, dessen scharfgeschnittener Höhenrand die Gipfel des Gebirges trägt. Der oberen Thalboden selbst stellt ein steiniges, hügeliges Plateau dar, auf welchem der Krummholzwuchs mehr und mehr verschwindet. Auf engbegrenztem Wiesenplatze stehen die Hocheisalpen, vier niedrige Hüttchen.

Auch jetzt verliess der Pfad mich nicht völlig, obwohl er nicht mehr so ausgeprägt erschien, wie vorher; meist im Krummholze dahinziehend, unausgesetzt steigend, hielt er sich anfänglich noch in der Mitte des Thales, eher etwas nach der rechten Seite hinüber, den Wänden des Kammerlinghorns sich nähernd, wendete aber bald um und verfolgte eine constant gegen Links weisende Richtung, in welcher er bis unmittelbar unter die Mauern des Zweigkammes der Hocheisspitze hinein sich fortsetzte.

Seitdem ich an den Mittereisalpen vorübergekommen, war eine zweite Stunden verflossen, und meine Umgebung begann sich zu lichten. In kalten, scharfen Umrissen zeichnete sich Busch und Fels aus dem Dämmergrau heraus. Der Höhenrand der letzten Thalstufe, die ich erstieg, sank allmähig herab und öffnete dem Blicke die innerste Tiefe der öden Kare, aus deren firngefüllten Kesseln eisiger Hauch dem Ankömmling entgegendrang. Das Gebüsche war vollständig zurückgeblieben, die weichen Polster des hochalpinen Rasens deckten den plattenhügeligen Boden und gewährten einen leichten, angenehmen Weg; von einem ausgetretenen Pfade war kaum die Spur mehr zu erblicken; er hatte seinen Zweck auch bereits erfüllt: hier in der Höhe lag das ganze Terrain dem Wanderer frei und offen. –


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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