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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 VI. Die Hocheisspitze

Die Hocheisspitzgruppe im Flachland-Panorama und in der Kenntniss der alpinen Welt

Es war dies der Schluss meiner Bergtouren im Berchtesgadener Lande im Somme des Jahres 1868; wenige Monate hatten ausgereicht, mehr davon zu sehen und kennen zu lernen, als die gesammte Welt der Alpenfreunde sich rühmen durfte davon zu wissen – damals wenigstens, und ich glaube, trotz Alpenvereinen und Jahrbüchern in vieler Beziehung auch noch heute. Warum? Weil meine eigenen Augen gesehen, die eigenen Schritte mich dorthin geleitet haben, wo der eigene, überlegte Wille ihnen ihr Ziel bestimmte. Selbst ist der Mann – auch, oder vielmehr: vor Allem, in den Bergen.

Wie zart und doch wie herrlich kühn zeichnen die Linien der Berchtesgadener Alpen am blassblauen Osthimmel der bayerischen Flachlandsaussicht sich ab! Voran der Untersberg, der Göll mit seiner breiten, einseitigen Schulter Hochbrett, der Kahlersberg; dann schneiden die östlichen Königsseeer Berge ab, die drei mächtigen Gebirgsstöcke im Westen der Gruppe treten in ihren Rang ein. Der Watzmann mit seinen beiden Spitzen, an die südliche ganz nahe angedrängt, dem Unkundigen kaum wahrnehmbar, das Gipfelhorn des Hochkalter. Weiter zur Rechten noch baut ein isolirtes Bergmassiv sich auf, ein tiefgehöhltes Halbrund, von schwarzen Zacken umrandet, eine weisse, spiegelnde Fläche in seinem Inneren bergend. Ein auffälliges Object im Panorama; aber bezeichnet habe ich es noch auf keinem Panorama gefunden. Gruss euch, unbenannte, vergessene Wächter über den Wänden, über den Karen und Firnen im Hocheis! Mir seid ihr vertraut, auf euren starren Zacken habe ich den Gemsenpfad mir ausgespäht, bald schaudernd an die Wand gekrallt, ein Tritt für jede Minute, und bald wieder vorstürmend im triumphirenden Erfolg! Dort auf jener äussersten Zinne habe ich Abschied genommen vom grossen hehren Kranz des Berglandes, des ersten, das ich kennen gelernt, und das ich nun kannte.

Und heim wandte ich mich von dort dem geselligen Treiben der Menschen wieder zu, in deren Kreisen so viel von Bergen gesprochen, erzählt wird, was Neues in ihnen gefunden worden. Und ich kehrte zurück aus wohlbekannten Gebirgen, und doch so schwer beladen mit einer erschöpfenden Kenntniss einer ihrer Gruppen – sollte sie nicht einem reissenden Strome gleich dorthin sich ergiessen, wo so viele Lückenhaftigkeit, solch' grausige Leere noch zu erblicken war? Mit der Wucht der Geröllawine, die ich von der Hocheisspitze scheidend mit mir hinuntergerissen, dachte ich ins alpine Leben zu treten. Ja, in der That, es war so genau so, wie an der Hocheisspitze; bald war das letzte Steinchen verprasselt. –

Die Erinnerung allein ist zurückgeblieben; und blicke ich jetzt an einem klaren Morgen die Ketten der bayerisch-tirolischen Alpen entlang und sehe dort Spitze an Spitze gereiht, sehe sie gruppenweise zusammengedrängt, deren Namen nie die Zunge des Touristen mit fremdartigen Lauten quälen – dann grüsse ich sie wohl aus vergangenen Jahren; mag die Welt ihrer vergessen – auch ich habe auf ihren Häuptern der Welt vergessen, und ich zähle diese Stunden des Vergessens zu den schönsten in meinem Leben.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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