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Home IV. Der Hochkönig auf dem Ewigen Schnee Seltene Gunst der Nebelgeister V. Auf den Gipfeln der Reitalm *)
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 IV. Der Hochkönig auf dem Ewigen Schnee

Zurück nach den Mühlbachalpen und zum Hüttenwerk Mühlbach

Mehrere Stunden meines Aufenthalts waren fast unmerklich dahin geschwunden, und wohl lange noch hätte Ueberdruss am Schauen gesäumt, mich von meinem Luftsitze zu vertreiben. Doch stand die Sonne schon stark im Südwesten und in dem Masse, als sie in jeder Richtung ihre Tagesbahn durchlief, zog schwarzes Gewölk von dorther ihr entgegen. Ein Lebewohl dem königlichen Haupt, das wenige Minuten später als hoher Felsenwall hinter mir auftragt, und nochmals Lebewohl dem schimmenden Firnmeere, da ich von seinem Ufer weggewendet in die finstere Kaminspalte wieder hinabtauche.

Die Schuttlehnen im Sprunge hinab, der rollende Gries vor meinen Füssen, zu meinen Seiten und mir nachdrängend, das ganze Feld in Bewegung, hinabfliessend nach seinem nahen Steilrande, über welchen es in prasselndem Gusse seinen Ueberschusse entleert. Quer über das steile Schneeband, in welchem meine Fussspuren vom Morgen kaum mehr zu erkennen sind, vom Sonnenbrande weggeschmolzen, und nun das endlose Schrofengehänge von Terrasse zu Terrasse hinunter auf die ersten grünen Plätze, auf die mächtigen Schuttkegel und die Firnreste in den Gräben im Schatten der Wände des Kranalkogls.

Lustig geht's jetzt hinab über die Trümmerlehnen, die in den ersten Morgenstunden so mühsam mich hinaufkeuchen sahen, und auf den verzweigten Pfaden um den grasreichen Rundfuss der Taghaube herum zu den Mühlbachalpen zurück, wo ich den Leuten, ersichtlich mit wenig Erfolg, vordemonstrire, dass es hinter'm Berge denn doch nicht so ganz "gleich" aussehe wie an den Wänden des Ewigen Schnees [Übergossene Alm]. Dann bei umdüstertem Himmel fort, hinunter gen Osten, auf Alpwegen erst und dann auf holperig fahrbarer Strasse, hoch über der Schlucht des Trockenbachs dahin, und kurz vor seiner Einmündung in den Fellerbach quer durch den Graben zu den einsam auf waldumsäumten Wiesen-Vorsprüngen stehenden Gehöften der Ellmau*). Tiefer und tiefer noch schlingt sich Strasse sich von der Berghöhe herab, es weitet sich das Thal, seine grünen Seitenbuchten in's Schiefergebirge der Salzach schliessen eine um die andere sich auf, ihre Alpengründe und braunen Hütten zeigend. Lautes Pochen übertönt das Rauschen des kräftig dahinschiessenden Mühlbaches; Halden goldglänzenden Gesteins liegen am Wege; es ist Kupferkies, der in den Schachten von Mitterberg gewonnen und in Mühlbach verhüttet wird.

*) Ein sehr lohnender und bequemer Weg, den ich im Jahre 1873 kennen lernte, führt, statt in's Mühlbachthal hinunter, quer an der Bergflanke hin nach Mitterberg. Der Seitenpfad verlässt den Fahrweg etwa 1/2 St. von den Mühlbachalpen entfernt, kurz nach der Ueberschreitung des ersten breiten Trümmerbettes; von hier gelangt man auf aussichtsreichen Alpenpfaden zum unteren Pochwerke von Mitterberg (1 St.). Gute Strasse hinauf bis zu den obersten Werken (1/2 St.). – Im kleinen Wirthshäuschen bei den Mitterbergalpen, fast auf der Passhöhe gelegen (4655' 1512 m. Keil), gute Unterkunft. Der Hohe Kail (5477' 1779 m. Keil) [Hochkeil, 1783 m] hier nahe und leicht zu ersteigen; vermuthlich aussichtsreich. Von Mitterberg über die Passhöhe, durch den Bocksrollbach nach Bischofshofen (2 St.), oder über die Kohlstatt und durch die Hölle (Eisenbergbau) nach Werfen (3 St.). Letzter Weg stellenweise grossartig, schöner Rückblick auf das Ewige Schneegebirge mit der Doossäule [Torsäule].

Eine Stunde nach Verlassen der Alpen, 4 Stunden nach Aufbruch vom Hochkönig, sehe ich über einem Hügelvorsprunge des Thalrandes die ersten Dächer von Mühlbach vor mir auftauchen; eben noch zu rechter Zeit, denn der Wirbelwind des drohend heraufgestiegenen Gewitters fegt bereits hinter mir drein. Ein kleiner Sonnenbrand im Gesichte, den der Ewige Schnee [Übergossene Alm] auf kaum viertelstundenlangem Marsche mir anzuhängen gewusst, wird über dem lange entbehrten Genusse eines Abendbratens und obligatem Gerstensaftes bald vergessen; im angenehmen Gesellschaftskreise einiger, wahrscheinlich bei dem Hüttenwerke angestellter Herren werden noch ein paar vergnügte Stunden verlebt. Sie wundern sich über den Touristen, der, wie hereingeschneit in's Mühlbachthal, das das Birgkar auf den Ewigen Schnee hinaufläuft.

Und ich lege mich endlich zur Ruhe mit dem frohen Bewusstsein, meine abenteuerliche Irrfahrt von einem Ende der Berchtesgadener Gruppe zum anderen würdig abgeschlossen und das augenscheinlich einem Wechsel sich zuneigende Schönwetter gründlich ausgenützt zu haben. – Mit dem schmalen Geldreste, den die völlig improvisirte Tour in meiner Tasche zurückgelassen, mich noch bis Berchtesgaden durchzulaviren, – diess Kunststück verbleibt dem morgigen Tage.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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