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Home IV. Der Hochkönig auf dem Ewigen Schnee Das Birgkar In höchster Bergzone
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 IV. Der Hochkönig auf dem Ewigen Schnee

Anstieg mit Unterbrechungen

Endlich kam ich am Fusse des Schrofengehänges an, einige vorgeschobene Abstufungen waren bereits hinter mir zurückgeblieben, von ihren ebenen Scheiteln weg spitzten die letzten Schuttstreifen in's Geklüfte sich aus. Ohne eigentlich genau zu wissen warum, war ich ziemlich genau auf die Mitte der sperrenden Mauer losgegangen, sah sie zwar recht kahl und schroff vor mir aufsteigen, aber ihre Höhe schien nicht mehr bedeutend, ich hoffte bald auf besseren Boden zu gelangen; packte in der nächsten Kaminspalte an und begann mich hinaufzuarbeiten. Das ging ein Stückchen weit ganz leidlich, dann enger und schlechter und zuletzt gar nicht mehr; ich stand vor einem fast senkrechten, glattwandig geschlossenen Felsriss, stufenlos, nur etwa nach Kaminfegerart zu erklimmen; während ich mich noch besinne, ob diess zu wagen und mit welcher Aussicht auf weiteren Erfolg, gleitet der rechte Fuss von der Gesteinsstufe ab, auf die er halb gesetzt worden war, und im Nu bin ich wieder unten im minder abschüssigen Theile des Kamins, wo ich mit Ellenbogen und Knieen mich sperre. Recke die Glieder und finde, dass die Maschine noch in Ordnung, allerdings etwas zerkratzt; weiss aber nun genau, was ich zu thun habe, nämlich einen besseren Aufgang mir zu suchen.

Wieder hinunter auf die Schuttfelder und quer hinüber nach der anderen Seite, wo ich mich erinnerte, einige grüne Plätze und Streifen am Fels gesehen zu haben – freilich auch keine vollständige Verbindung vermittelnd. Ein paar tiefe, trocken liegende Furchen der Sturzwässer hatte ich dabei zu kreuzen; ihre Scheiderücken, mit schwachem grünen Kleide überzogen, zeigten sich gegen die Höhe bald versperrt durch vortretende Strebepfeiler des Gewändes. Durch solche Hindernisse immer wieder seitlich abgedrängt, aber gleichwohl von Rippe zu Rippe an Höhe gewinnend und daher nicht ohne Hoffnung, gelangte ich allmählig bis an den Saum des tiefen Grabens, welcher aus den oberen Karen längs des Fusses der Hohen Köpfe und des Kranalkogls herunterzieht.

Und längs dieses Saumes endlich zeigte das Geschröf sich gangbar; steil genug immerhin, aber mit Grasschöpfen bewachsen, von einzelnen engen Gesimsen durchstrichen, ermöglichte es den Aufstieg in umsichtig ausgewählter Linie, bald leitergerade empor, bald wieder eine Strecke in die Quere, um neuerspähte Treppen zu gewinnen. Dabei zeigte die Steilabstufung sich als viel beträchtlicher, als ich ursprünglich sie veranschlagt hatte, und häufig boten vorspringende Ecken mir Gelegenheit, die wilden Felsstürze ihrer Mitte mir zu betrachten, in welche ich beinahe mich verwickelt hätte. Gut, dass ich rechtzeitig herunter gefallen; von dieser Höhe herab hat es noch nichts geschadet; im Gegentheile, ich fühlte eine fast wohlthätige Nachwirkung davon auf meine körperliche Elastizität; es war ein kleines Correktiv gegen die Trägheit dieses Morgens gewesen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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