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Home IV. Der Hochkönig auf dem Ewigen Schnee Anstieg mit Unterbrechungen Vom Fels auf Firn
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 IV. Der Hochkönig auf dem Ewigen Schnee

In höchster Bergzone

Stufe und Stufe wurde genommen, in der Höhe wurde es freier und lichter, die Zackenthürme der Hohen Köpfe tauchten vor mir wieder auf und mächtig in's Kar herein drängend der schroffe Felskegel, den ich zum ersten Zielpunkte mit ausersehen. Gerundete, hügelige Absätze weisen nochmals hochalpine Vegetation in ihren äussersten Ueberresten; dann erstirbt auch diese letzte Spur des Lebens. Felder fein zerriebenen Schuttes dehnen sich zu neuen Höhen; ab und zu tritt auf ihnen ein verwittertes Riff, eine Lage welliger Platten hervor.

Der eigentliche Kessel des Birgkars schliesst sich auf; Gipfel ohne Zahl und Namen umstehen ihn in weitem Halbkreise, senden ihre Zweige in sein Innerstes hinein, deren Enden in schroffen Kegelpyramiden auf seine Sohle herabbrechen. Schwer hält es, in ihrem Gewirre sich zurecht zu finden; wohl mag die Mehrzahl von ihnen noch den Hohen Köpfen, also dem Seitengrate des Ewigen Schneegebirges [Übergossene Alm] angehören, und eine der zwischen ihren Körpern eingeschnittenen Klüfte mag es sein, durch welche, wie gestern der Senne der Schönbergalpe mir erzählte, auch von der Westseite der Taghaube herauf das Birgkar und mittelbar der Hochkönig gewonnen werden könne. Die innersten dieser Zähne und Felsklötze stehen aber wohl bereits im Randgrate des grossen Firnfeldes, eine Vermuthung, über welche freilich nur ein Besuch dieser Kante an geeignetem Punkte völlige Gewissheit verschaffen könnte. Vielleicht dürfte auch diese selbst aus dem innersten Birgkar erstiegen werden; einladend zu einem solchen Unternehmen, das vom Hochkönig zudem weit abführen würde, ist seine Mauerumwallung nicht eben zu nennen, doch liegt die Möglichkeit nahe genug, dass zwischen diesen verschobenen Kegeln Einsenkungen und Schuttgräben sich aufthun könnten, nicht weniger unerwartet als das ganze Birgkar selbst. Meiner Wegerichtung lag dieser innere Kessel des Birgkars überhaupt ferne; sie hielt sich jetzt geradlinig auf den prallen Felskegel zu, um am Fusse seiner gelben Mauern sich zurück zu wenden nach dem eingesunkenen Gratscheitel, wo der Firn herunterwallt und die breite Kuppe thront, der König der Höhen in den Kalkalpen Berchtesgadens.

Allerdings nicht völlig frei von Zweifeln blickte ich zu ihr empor; schon stand sie mir ziemlich nahe, und noch zeigte sich von der Kapelle, welche die Knappen von Mitterberg dort erbauten, nicht eine Spur; und eben so wenig wollter durch die vielfachen Scharten des Felsenrandes sich irgend ein Einblick bieten auf das Firnplateau; sollte ich doch in meiner Voraussetzung mich getäuscht haben? sollten die Schneeflecke, die ich dort wahrnahm, isolirt in den Wänden hängen, der ewige Schnee noch höher gelegen und vielleicht durch unersteigliche Abstürze von ihnen getrennt sein? Es wollte mich wohl auch bedünken, dass meine bisher gewonnene Höhe für einen Gipfel des Ranges, wie er mein Ziel bildete, noch keineswegs genügen könne; glaubte ich ja doch in nahezu gleicher Höhe schon mit jener Kante mich zu befinden, der ich in schrägem Quergange nunmehr zusteuerte. In Letzterem eben lag die Täuschung; ich unterschätzte gewaltig die Höhe, welche ich bis dorthin noch zu bewältigen haben würde.

Immer umfassender und grossartiger gestaltete sich mir im Rücken das Aussichtsbild; über die Zackenscheitel der Taghaube und des Kranalkogls blickte ich bereits hinweg, die grünen Schieferberge des linken Salzachufers waren längst in die Tiefe zurückgesunken. Darüber stiegen die Radstädter Tauren [Radstädter Tauern], die Berge des Lungau herauf, die dunklen Gebirgskämme der Thäler von Rauris und Hofgastein, und hoch über ihnen die Eispyramiden des Ankogl und Hohen Aar [Hocharn], so nahe, so gewaltig, wie ich noch niemals sie gesehen. Noch umsäumen sie klar, wolkenfrei den Horizont; aber schon steigen die weissen Rauchsäulen aus den Thalgründen auf und drohen das herrliche Bild in Bälde zu verwischen; Eile thut noth, will ich auf meinem Gipfel anlangen, bevor sie Alles in ihren neidischen Schleier hüllen.

Und emsig geht's aufwärts längs eines zernagten Felsriffs, welches vom Fusse des Kegels ausstrahlt, der bis dahin mein Leitstern gewesen; jenseits liegt ein langes, steiles Schuttfeld von mässiger Breite, welches überquert werden muss, um die Schuttflächen, die höher noch sich hinaufziehen, zu gewinnen. Ich hielt mich auf Felsboden, so lange als thunlich, schwenkte von der Stelle, an welcher ich das Schneefeld am schmalsten fand, rechts auf dasselbe ab und begann die mühsame Arbeit des Stufentretens. Sie musste um so sorgfäliger ausgeführt werden, als das Schneefeld ziemlich nahe am Rande der Steilwände auslief und die Besorgniss nahe lag, eine Abfahrt über die jähe Fläche (von etwa 45° Neigungswinkel) möchte auf dem Schrofensaum, der vom Absturze mich dann trennte, kaum mehr zum Halten kommen. So verbrachte ich reichlich eine Viertelstunde mit dem Passiren einer Strecke von kaum zweihundert Schritten, und war herzlich froh, als ich das jenseitige Ufer gewonnen hatte und der Fuss wieder festes Gestein unter sich fühlte. Sonderlich angenehm war auch hier der Weg nicht; das Geröll und Getrümmer ging mit zunehmender Höhe allmählig in völlig flüssigen Schutt über, und zeitweise schien es geradezu unmöglich, noch vorwärts zu kommen in diesen aufgelockerten Massen, die wie Dünensand unter jedem Tritte zurückwichen.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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