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Home IV. Der Hochkönig auf dem Ewigen Schnee In höchster Bergzone Gletschersee
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 IV. Der Hochkönig auf dem Ewigen Schnee

Vom Fels auf Firn

Die Nebel zogen immer bedenklicher sich um die Gipfel zusammen, aber nur äusserst langsam näherte ich mich den unterbrochenen, vielfach durchklüfteten Mauern, hinter welchen ich das Schneefeld vermuthete. Die Mattigkeit der Morgenstunden begann wiederholt sich fühlbar zu machen und Zweifel über Zweifel kamen in ihrem Gefolge. Was ich bisher für den Hochkönig gehalten, der breite Felsenkopf mit seiner senkrecht niederstürzenden Nordwand, stand nun ganz nahe zu meiner Rechten; seine Gestalt hatte sich nur wenig verändert, der Scheitel, den ich erblickte, konnte nichts anderes sein, als sein wirklicher Gipfel. Aber das Häuschen wollte sich nicht zeigen; und es hätte doch jetzt gross genug vor meinen Augen stehen müssen! Zur Linken hatte ich eine breite Einsenkung des Randes, ein Schneemantel wallt über die Kante herab, aber ohne die geringste Andeutung einer jenseitigen Fortsetzung. Wenn ich geirrt hätte, wenn ich einen Seitengrat erstiegen, das Firnfeld und seinen Gipfel durch Abgründe getrennt mir gegenüber erblicken sollte! Dann wieder ein verlorener Tag! –

Sorgenvoll langte ich am Fusse der letzten Schranke an; die Wahl des Anstieges war rasch getroffen, den breiten Schneesattel links lassend, kletterte ich die nächst gelegenen Plattstufen hinauf in eine Trümmerrunse, welche zwei massive Zacken von einander spaltet. Das Dunkel der Felsgruft nimmt mich auf, hohl klappern die losbröckelnden Steine hinter mir hinunter. Staffel um Staffel fasst der Fuss, die Hände, an die Seitenwandungen gestemmt, helfen dem raschen Aufschwunge nach; und nicht von der Anstrengung des Steigens allein erregt, schlagen fieberhaft alle Pulse.

Heller wird die Höhe; es naht der Augenblick, der, hundertmale erlebt, in seinem grossartigen Eindrucke der nivellirenden Macht der Gewohnheit wiedersteht: das ruckweise Heben des ganzen Himmelsgewölbes, das erste Auftauchen eines fernen Horizontes, das blitzschnelle Erscheinen all' der Einzelheiten einer geöffneten Welt in überwältigneder Masse. Aber wie oft auch wird die gespannte Erwartung getäuscht, wie oft naht man sich im Hochgefühle der Erreichung seines Zieles der Bergwanderer der Höhengrenze, die er vor sich erblickt, und wenn er sie zu fassen vermeint, da taucht statt der vermeinten Welt eine neue Schranke vor ihm auf, – oder gar sein eigenes Ziel ist es, welches als Grenzlinie des Gesichtskreises aufsteigt vor ihm, der im Augenblicke selbst es zu betreten dachte, – Schluchttiefen zwischen ihm und der erkorenen Spitze – ein andermal, mein Freund! – Hinauf, wo die Zacken sich auseinanderbiegen, wo Licht und Himmelsblau in breiten Strömen sich herein giesst in's Düster der Mauern; dort bleibt es frei, kein finstergrauer, in harten Linien gezeichneter Fels will eine beherrschende Nähe für sich geltend machen. Die Helle nur weitet sich und füllt den unermesslichen Raum – und jetzt – jetzt blinkt es auf! die bleichen Zinnen des Haagengebirges – die Berge der Röth, des Königssees, das Steinerne Meer wälzt seine Felsenwogen in den Gesichtskreis herein und noch ein Sprung – da verwandelt im Zauberschlage das Dunkel der Graft sich in blendenden Schimmer, auf Meilenweite ein Teppich spiegelnden Glanzes, Lichtfülle strahlt von ihm aus, als wäre er selbst die Leuchte für die Bergwelt, die er beherrscht; an's matte Mauergrau reiht sich der funkelnde Krystall, an's Meer von Stein das Meer von Eis, – die Uebergossene Alp der Sage, – der Ewige Schnee.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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