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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 V. Auf den Gipfeln der Reitalm *)

Gipfelstock der Reitalm

Weiter geht's durch Wald und Busch, über häufige Felsabsätze auf holperigem, zuweilen aus eingehauenen Stufen hergestellten Steige. Noch einigemale täuscht sein Verlauf die Erwartung, den Rand der Hochfläche bereits erreicht zu haben. Eine starke Stunde lang zieht er von der Unteren Schwegelalpe sich noch aufwärts, welche selbst eine Stunde weit vom Passe Schwarzbachwacht entfernt liegt. Das Zirbeneck ist bereits weit im Rücken geblieben, gegen Nordost schweift frei der Blick über die niedrigere Fläche auf dem Scheitel des Lattengebirges; da endlich tritt der Pfad durch eine ausgeflachte Gras-Sinke auf den Höhenrand des Reitalmstockes aus. Einem heranwogenden Meere gleich reiht ein Hügelwall sich an den anderen, Alles in das einförmige Wollkleid der schwärzlichgrünen Legföhren gehüllt. Wenig charakteristische Bergformen, die Randformen des Gebirges, begleiten in beträchtlicher Entfernung die Wellenfläche zu ihren beiden Seiten; einzelne Lücken zwischen den Hügelkuppen zeigen im fernen Süden die silbergrauen Gestalten der Mühlsturzhörner.

Einmal auf dem Hochplateau angelangt, verfiel ich sehr bald in meinen gewöhnlichen Fehler bei Ueberwanderung solch' weiter, hügeliger Strecken, den nämlich, die Theorie des Berganstieges auch auf letztere in Anwendung zu bringen, und gebahnte Pfade zwar als Behelf im Verfolgen der Hauptrichtung, niemals aber als eigentlichen Leitfaden zu betrachten. Ich war auf diese Weise von dem Steige, der im weiten, gegen Nordwesten sich auskrümmenden Bogen zur Oberen Schwegel- und zur Bodenrainalpe mich geführt hätte, bald abgekommen und hatte meine Uebereilung in einem mehr als zweistündigen Kampfe mit dem zähen, dicht verfilzten Gitterwerk der Krummkiefern zu büssen, in glühend heisser, mit Harzstaub geschwängerter Luft, Hügel auf, Hügel ab, Felsspaltend durchsetzend und steile Mauerstufen erklimmend, und bei gelegentlicher Befreiung aus den struppigen Ranken keine andere Aussicht als wogendes Hügelland, wuchernde Legföhrendickung nach allen Seiten. Mit nicht geringer Freude begrüsste ich daher den Anblick der weiten Alpenmulde des Reitertretts, am Fusse eines ziemlich hoch gehobenen Wellendammes, welcher, unter gleichen Hindernissen wie alle seine Vorgänger gewonnen, sich endlich als die letzte Schranke erwies; rasch brachte mich ein breiter Trümmergraben in's weidereiche Becken hinunter, auf welchem über 20 Alpkaser zerstreut liegen. Der nächsten Gruppe derselben, den Rabenthalalpen zusteuernd, sass ich bald vor einer mächtigen Milchschüssel, deren Inhalt die Erinnerung der eben überstandenen Strapazen rasch verwischte.

Die  Karte:
http://www.austrianmap.at/tp.asp?s=4%7C-40950%7C276221%7C0 Reitalpen (4809' 1562 m. Keil) [1570 m] bezeichnen gewissermassen eine Grenzscheide auf dem Hochplateau der Reitalm; vergisst man, dass die Hügelfläche selbst, die man erstiegen und durchwandert, einige Tausend Fuss hoch über der Sohle der Thäler liegt, so kann man den Alpboden als das Thal und seinen Saum erst als das Gebirge betrachten. Dort erheben sich nun die Terrassenstufen, noch krummholzbehangen, bald aber in kahles Gefels übergehend, zu den Höhenrücken, zu den Plattenkaren und den Gipfeln. Im Süden grenzen an die Hochfläche unmittelbar die Häuselhörner und das Wagendrischelhorn. Im Südosten schwillt das Terrain zu den Karrenfeldern des Reiter Steinbergs empor mit dem Prünzelkopf [Prünzlkopf] und Brettstein [Plattelkopf], aber jenseits einer neuen Thaltiefung, jenseits des Wagendrischelkars erst, erheben sich die Mühlsturzhörner. Diese haben sich abgelöst aus dem Plateau-Stocke und bilden eine Kette; und ebenso verlaufen die Häuselhörner als Kette gegen das Saalachthal. (Hifel Wand, 5550' 1803 m. Keil.) [Hiefelwand, 1821 m] Eine tiefe Einsattelung durchbricht längs ihres Nordfusses den Gebirgsrand, die Weitscharte, durch welche der gerade Steig über die Alpa-Alpen und durch den Donnersbach an die Strasse zwischen Unken und Lofer hinunter führt [Alpasteig].

Nördlich der Reitalpen befindet sich im Westrande des Gebirgsstockes eine 4972' 1615 m. (Keil) hoch gelegene Scharte [Schrecksattel, 1620 m], durch welche aus dem Thale des Aschaubaches die Schlucht der Schreck heraufmündet. Ihrem wenig einladenden Namen und dem wirklich gegebenen Steilabfalle des ganzen Gebirges nach jener Seite zum Trotz führt gerade hier der beste und bequemste Steig auf die Höhe der Reitalm, und dieser ist es auch, welcher von den Salzburger und Reichenhaller Touristen dorthin eingeschlagen zu werden pflegt; doch erstrecken sich ihre Ziele selten höher, als auf das Hochplateau selbst, seine Alpen und lustigen Sennerinnen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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