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Home V. Auf den Gipfeln der Reitalm *) Gipfelstock der Reitalm Salzburger Bergsteiger
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 V. Auf den Gipfeln der Reitalm *)

Der Weitschartenkopf. Notiz über die Drei Brüder

Die Sonne begann zwar bereits dem Horizonte sich zuzuneigen, doch blieben immerhin noch ein paar Stunden verfügbar, und sie sollten zum Besuche des nächstgelegenen Gipfels im Westrande der Reitalm, des Weitschartenkopfs (6123' 1989 m. Keil) [1979 m] verwendet werden. Ein einstündiger Anstieg über kahles, schwach bewachsenes Berggehänge brachte mich auf den Grat, von welchem steil die Felswände auf grüne Vorstufen des Gebirgsstockes gegen das Saalachthal niederbrechen; das Krummholz, welches der absoluten Höhe des Berges zufolge hier immerhin seine lästige Zudringlichkeit hätte wiederholen können, war längs der ganzen Flanke theils ausgerodet, theils weggebrannt und unbekümmert um alle forstwirtschaftlichen Theorien pries und segnete ich diesen Zustand der Dinge und wünschte dem ganzen Reitalmgebirge die gleiche Verwüstung.

Eine kurze Strecke gut gangbaren Grates war noch bis zum Gipfel zurückzulegen, dessen Scheitel mir den vollen Ausblick gegen Westen und Südwesten eröffnete. Im Dämmergrau lag bereits das Saalachthal, Wolkenschichten erfüllten den westlichen Horizont, vom niedersinkenden Sonnenball feurig gerändert; aus scharf abgeschnittener Lage von Nebeldunst stiegen im Westen die zackigen Massive der Kaiser bei Kufstein empor; im Osten reihen sich die bleichen Kalkstöcke des Göll, Kahlersberg, Watzmann und Hochkalter aneinander, nordöstlich scheint das wellige Gebirgsplateau, welches ich vor wenigen Stunden durchwandert habe, mit den gleichgearteten Hochflächen des Lattengebirges und des Untersberg zu verschmelzen, als scharf abgerissene, gelbliche Felspyramide springt aus letzterem der Bayerische Hochthron gegen das Berchtesgadener Land vor; im Südosten bauen des Terrassenstufen des Reiter Steinbergs sich auf, von düsteren Legföhren an ihrem Fusse umkleidet, nach der Höhe in die lichteren Flächen kärglich begraster Schafweiden, zu oberst in völlig kahle, hellschimmernde Karrenfelder übergehend. Im Süden öffnen sich die Kare, erheben sich die Gipfel der Häuselhörnerkette. Das Wagendrischelhorn, sonst so isolirt erscheinend, stellt sich als erstes in ihre Reihe, ihm folgt gen Westen, mächtig emporgeschwungen, das Grosse Häuselhorn. Noch zweimal gipfelt der Grat; eine flache Schuttpyramide, dann einen rundlichen, schroff aufgemauerten Felshöcker treibt er auf seinem Scheitel empor. Seine nordwestliche Abbiegung stellt diese Gipfel mir näher, als den höchsten ihrer Reihe, und ich muss es unentschieden lassen, ob ich morgen statt des einen nicht alle drei Häuselhörner zu besuchen haben werden. Vergebens sehe ich mich nach den Drei Brüdern um; sie stehen im gleichen Kamme, dessen Haupt ich einnehme, aber die starke Senkung des Grates gegen Südwest verbirgt mir diese Zackengruppe*).

*) Die Drei Brüder bilden eine kurze Kette dreier Pyramiden, welche aus dem Westrande des Reitalm-Plateaus sich ablösend gegen Westen vortritt. Gegen Norden stürzt ihre Wand geschlossen fast lothrecht ab; von Süden ist der erste und höchste der drei Brüder (5767' 1870 m. Keil) [1864 m] auf berastem Abhange leicht zu ersteigen, der zweite, nach der Keil'schen Karte um mehr als 100 Fuss (?) [30 m] niedrigere, zeigt an schroffen Flanken nur einzelne Krummholzflecke, soll jedoch mit Schwierigkeit zugänglich sein. Der dritte, noch niedere, sieht sich an wie ein aus Felsmasse gegossener Spitzkegel. Joseph Berger, mein Führer auf die Grundübelhörner, erklärte denselben als unersteiglich, und ich habe Grund, diesem seinem Ausspruche Glauben zu schenken. {Er wurde erst 1897 von J. Gmelch erstmals betreten.}

Zu meinen Füssen liegt, bereits dunkelnd, das Reitertrett, mit tiefem Einschnitte des westlichen Gebirgsrandes (Weitscharte) gegen das Thal von Lofer sich öffnend; heiteres Alpleben tummelt sich in ausgelassener Lust dort unten in den zahlreichen Hütten; Jauchzer um Jauchzer dringt aus dem Thalgrunde herauf, und sogar eine Trompete schmettert ihre Klänge hinaus in die erhabene Gebirgseinsamkeit und weckt an den Wänden der Mühlsturzhörner das Echo eines etwas verstümmelten Motives aus Rossini's Tell.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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