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Home II. Die Schönfeldspitze auf dem Steinernen Meere Geologische Streiflichter Die Schönfeldspitze, günstig gelegen zum Besuche auf der Reise in die Tauernkette
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 II. Die Schönfeldspitze auf dem Steinernen Meere

Ersteigung der Schönfeldspitze – viel Lärm um Nichts

Doch zurück zu unserer Schönfeldspitze; sie hat, allmählig auf unsere rechte Seite getreten, zugleich ihre Gestalt wesentlich verändert; steil, doch nicht übermässig schroff, krümmt von Südosten her ihr Rücken sich auf, die Möglichkeit, ja beinahe Leichtigkeit einer Ersteigung von dieser Seite her steht ausser Frage. Doch stösst das Massiv der Spitze nicht unmittelbar an die Buchauer Scharte; es schiebt zwischen beide noch ein Mittelglied sich ein in Gestalt eines niedrigen, flachgewölbten, ziemlich schartigen Felsrückens; die Mauern seines Fundamentes stellen sich schroff in die äussersten Kare des Steinernen Meeres, weit steiler, zerklüfteter und noch tiefer stürzt seine Südflanke ab auf das schuttbedeckte, theilweise wieder mit Vegetation überzogene Gehänge, welches allmählig zur Thalschlucht des Krallerwinkelbaches [Krallerbach] sich zusammenschnürt. In beträchtlicher Tiefe erst wäre eine völlig Ueberquerung dieser starkgeneigten Abdachung bis an den Fuss der Schönfeldspitze möglich, welche ihrerseits wieder in dieser tieferen Zone mit Steilwänden auf der Gebirgsflanke aufsetzt. Es erscheint daher in jeder Beziehung als gerathen, die möglichst grösste Höhe inne zu halten und so lange, als dies überhaupt ausführbar ist, die Gratschneide selbst zu verfolgen. Der plattige Hügelabfall westlich der Buchauer Scharte ist rasch erstiegen, der Grat selbst, obwol schmal, und stellenweise durchrissen, ohne bedeutendes Hinderniss zu verfolgen; näher und näher rückt die Schönfeldspitze an den Bergwanderer heran, gewaltig schwingen ihre Strebepfeiler aus den Gratmauern sich empor, nahe an die kahlen, schroffen Felsen aber grenzen die gangbaren Plätze, die geneigte Stufenleiter der südöstlichen Kante.

Schon glaubt er mit wenigen Schritten auf jenes einladende Terrain übertreten zu können, da plötzlich reisst vor ihm der verbindende Grat, eine scharfe Schneide schiesst jäh hinab zu enger, ummauerter Scharte; das wilde Gezacke, mit welchem aus ihr die Schönfeldspitze sich erhebt, verspricht wenig Erfolg auch für den Fall, dass der Abstieg in die Scharte erzwungen würde. Es ist nicht zu läugnen, dass diese plötzliche Unterbrechung des Weges, der scheinbar so sicher vor Augen gelegen, einigermassen überraschend wirkt, die Aussicht, welche für die Fortsetzung der Schönfeldspitzersteigung sich eröffnen, einige Entmuthigung hervorzurufen vermögen. Doch fehlen solche Momente kaum bei irgend welcher grösseren Bergfahrt und nicht zu den geringsten Reizen einer solchen zählt es eben, diese Momente zu überwinden; die anscheinend unmögliche Aufgabe sich vorurtheilsfrei zu besehen und auf eine, oft unvermuthet leichte Art, zu lösen. Es liegt übrigens an der Schönfeldspitze die Lösung klar genug vor Augen; eine abgestufte, mit etwas Gerölle ausgefüllte Kluft zieht sich vom Grate gegen Süden hinunter, und im jähen Plattenhange, der an die Mauern des Grates einige Klafter tief unter der Scharte sich anfügt, laufen mehrere ununterbrochene Bänder quer hinüber nach der Südostflanke des Gipfels. Schmal allerdings sind diese Bänder, nahe genug dem Tritt, der auf ihnen eben vollen Raum findet, der Absturz nach der Tiefe. Aber bei völlig sicherem Boden, bei einem Neigungswinkel des Felsgehänges, welcher, ohne das Gleichgewicht des Körpers im Mindesten zu stören, der Hand in bequemster Weise ihre Anhaltspunkte bietet, wird ein einigermassen geübter Bergsteiger, der nur der unerlässlichen Anforderung völliger Schwindelfreiheit genügt, kopfschüttelnd sich an die Schauerdinge erinnern, die er zu Berchtesgaden von der Schönfeldspitze vernommen, die Scheu, mit welcher er selbst noch, bevor er mit eigenen Augen gesehen, diese schlanke Pyramide betrachtet haben mochte. – Und mit acht bis zehn vorsichtigen Schritten ist Alles geschehen; dann geht's geradlinig hinan das stufige Geschröf, mit halbverdorrten Grasschöpfchen bewachsen, verwittertes Geröll und zuletzt ein gerundeter, ziemlich geräumiger Trümmerscheitel, auf ihm ein trigonometrisches Signal. Das ist die Schönfeldspitze, der höchste Gipfel*) des Steinernen Meeres (8160' 2651 m. Keil) [2653 m].

Vergleichen wir mit dieser Höhe jene der Buchauer Scharte, so ergibt sich für den Gipfelkörper, wie er sich auf der Gebirgskante erhebt, eine Höhe von 1140' 370 m [385 m]. Sein Scheitel senkt sich mässig gegen Südosten und Osten, bricht dagegeben vom Rande weg in senkrechter Wand gegen Süden und Westen hinunter; nordwärts setzt er als Grat sich fort und bildet zwei scharfzackige Nebengipfel; Steinpyramiden, auf ihnen errichtet, locken auch auf jene vorgeschobenen Zinnen hinüber. Ein kurzer Abstieg an der Ostseite des Gipfels gestattet die Durchkreuzung der Runse, die von der Einschartung unter dem Hauptgipfel sich hinabzieht; unterhaltlich ist das Umherklettern auf den überstürzten Felsklötzen, den zerborstenen Schrofen des Gipfelgrates, doch wird die Erwartung, von seinen äussersten Posten einen noch freieren Überblick des Steinernen Meeres zu gewinnen, getäuscht. Der Körper der Schönfeldspitze senkt vielmehr auch nach dieser Seite hin ganz allmählig sich ab, erst tief unten an seinem Fusse folgen Steilabstürze auf die gangbaren Schrofenhänge. Unnahbar aber wäre die Schönfeldspitze von jener Seite eben nicht; und aus späteren Jahren als die meiner Berchtesgadener Bergwanderungen sind mir auch in der That einzelne auf diese Weise ausgeführte Ersteigungen der Schönfeldspitze bekannt.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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