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Home II. Die Schönfeldspitze auf dem Steinernen Meere Parallele zwischen ihr und dem Breithorn III. Die Göllkette
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 II. Die Schönfeldspitze auf dem Steinernen Meere

Bedarf es zu ihrer Ersteigung eines Führers?

Ein schöner, kühner, hoher Felsengipfel ist sie, diese Schönfeldspitze, werth von vielen, werth von jedem Alpenfreunde besucht zu werden, der auf den Höhen des Berchtesgadener Ländchens umherwandert; ihr Ruf als Prüfstein eines Bergsteigers aber ist ungerechtfertigt. Ich kann in dieser Beziehung an die Schönfeldspitze nur die Erinnerung einer lebhaften Enttäuschung knüpfen. Noch immer etwas Neuling, noch immer nicht ungläubig genug in den Bergen, – obgleich ich bereits einige Erfolge zu verzeichnen gehabt hatte – stieg ich eines schönen Juli Nachmittags*) zum Funtensee hinauf und schätzte mich glücklich, auf der Passhöhe "Am Feld" einen Pinzgauer Schafhirten zu treffen, der nach meinem Ziele mich führen zu wollen sich bereit erklärte; denn ohne Führer an der Schönfeldspitze meine Sporen verdienen zu wollen, das kam mir damals doch noch nicht in den Sinn. Und wir wanderten anderen Morgens über das Steinerne Meer und stiegen hinauf zur Zinne, nach welcher ich verlangt, und mein Führer war des Lobes voll, über den "Herrn", mit welchem er sich so leicht gethan, wie nie zuvor auf der Schönfeldspitze; ich aber war unzufrieden im dem Gedanken: das hätte ich allein auch gekonnt! –

Und die Schönfeldspitze trug das Ihrige, und in gewichtigem Masse das Ihrige dazu bei, die Selbstständigkeit des Bergsteigers in mir zur Reife zu bringen. Lass doch die Welt reden von ihren Bergspitzen, und am Biertische sie ausmalen, aus könne die Mauerschwalbe kaum auf ihre Scheitel sich hinaufschwingen! Lass sie doch faseln von der unerfindlichen Verborgenheit der Pfade, als wären sie in Hieroglyphen auf den Stein geschrieben, die nur der Führer zu lesen verstünde. Geh doch erst hin, selbst zu sehen und urtheile nach dem, was der eigene Augenschein dir sagt! Wage doch zu suchen und siehe zu, ob du dann nicht finden werdest! – Und ich habe viel gesucht in späteren Tagen; und ich habe viel gefunden.

*) Am 17. Juli 1868.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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