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Home Beschreibung einer Tour auf die Südliche, eine Lücke in der Alpenliteratur [1868] Getrübte Aussicht Ein "Fremdenführer"
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 I. Die Südliche Watzmannspitze
 Beschreibung einer Tour auf die Südliche, eine Lücke in der Alpenliteratur [1868]

Schneefahrt und Rückkehr zum Wimbachthal

Gegen 2 Uhr nachmittags begann ich die Hoffnung aufzugeben, dass lichterer Himmel mich noch begünstigen würde; ich wandte mich zum Rückzuge, einigermassen unbefriedigt über das Ergebniss meiner Partie, und doch wieder zufrieden, dachte ich an die misslungene Geschichte von gestern zurück. Keinen Führer brauche – und keiner sein wollen, das ist und bleibt das Beste, und auch die Misslichkeit des Letzeren habe ich nachmals noch wiederholt erfahren. Mit der gewohnten unbesorgten Leichtigkeit, die das Gefühl, den Weg zu kennen, und schliesslich nur für seine eigenen Knochen verantwortlich zu sein, hervorruft, sprang ich den schartigen Gipfelgrat, die schütteren Felsstufen der Watzmannflanke hinunter. Von den letzteren, hohen Terrassenabsätzen herabklimmend, berührte ich wieder den Saum des Schneefeldes, über welches in den Morgenstunden so langsam und ermüdend mein Weg mich heraufgeführt hatte. Sein harter Panzer war jetzt von den Sonnenstrahlen erweicht und trotz der starken, etwa 40° betragenden Neigung schien ein Abfahren immerhin zu wagen. Etwas problematisch mochte das Unternehmen immerhin erscheinen, wusste ich doch, dass ich mich nicht in gerader Linie über den gangbaren Gehängen befand, dass die Schneelehne vielmehr ziemlich nahe an jähe Abstürze auslaufe; indess ich dachte – oder vielmehr ich dachte nicht viel, lehnte mich in den Bergstock, drückte die Absätze in den Schnee und liess das Vehikel laufen. Der Firnstaub zischte mir unter den Füssen weg; die Nebelschleier flogen mir am Gesichte vorüber wie Eisenbahndampf am Waggonfenster. Aber die weiche Decke, in der ich dahinfuhr, liess mich die aufrechte Stellung bewahren, und nachdem die erste Steile sich verlaufen, fühlte ich mich auch bald im Stande, die Schnelligkeit der Fahrt nach Belieben zu temperiren und eventuell anzuhalten, sobald es nöthig wäre.

Nun war es in der That eine genussreiche Schlittage; dünner und durchscheinender zog es um mich herum, und aus den Nebelregionen schoss ich heraus in's Freie; zu meinen Füssen das grüne Schönfeld, tiefer in der Tiefe noch das Wimbachgries mit seinen düsteren Gebüschinseln; und drüber der Dolomitkranz seiner Umrandung, dessen Zacken fühlbar über mich emporwachsen. – Felsklippen im Schneefeld – gebremst – halt! Zu Ende ist die Fahrt, die mich in ein paar Minuten um etwa 600' [190 m] der Thalsohle näher gebracht hat. Quer durch die Gerölle, auf denen kümmerliches Gras nun wieder spriesst, suche ich nach der Mündung des Kamins, der mich über die Wände des Kars zur Schönfeldalpe wieder hinuntergeleiten soll. Wie verändert zeigt sich seine ganze Umgebung! Die zackigen Riffe, die sein Ausgangsthor bezeichneten, sie sind verschwunden, über ihre schwach ausgeprägten Scheitel hinweg gleitet das Auge und wird der Spalte nicht gewahr. Aber ich habe sicherere Wegzeiger, über die einförmige Fläche hin schweift der geübte Blick – und dort erspäht er das Steinhäufchen, das früh am Tage aufgerichtet worden – und zehn Schritte weiter ein zweites – drittes – und jetzt nehmen die Felsen ihre bekannten Gestaltungen wieder an, und gefunden ist der Pfad.

Im Kamine zwängte ich mich und klomm an seinen Seitenwandungen hinab, noch etwas schwieriger, als ich heraufgekommen, aber mit unvergleichlich grösserem Sicherheitsgefühle; welche Zweifel hatten mich bewegt, als ich diese Kluft emporkletterte, deren feuchtes Dunkel eine verzagte Stimmung nur zu sehr begünstigte! Jetzt aber liegt Gewissheit vor mir, und einen Stein vom Haupte der zweiten Watzmannspitze trage ich in der Tasche. –

Ohne irgendwelche Unregelmässigkeit erreichte ich denn auch das Schneefeld wieder, welches den unteren Theil der Schlucht ausfüllt, verlegte mich, durch den ersten gelungenen Versuch keck gemacht, sogleich wieder aufs Abfahren und sauste zwischen den Felscoulissen hinunter, durch's enge Thor der nahe zusammenrückenden Mauerpfeiler und hinauf auf die Sandreissen des Schönfelds. –


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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