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Home Beschreibung einer Tour auf die Südliche, eine Lücke in der Alpenliteratur [1868] Geschröf, Grat und Gipfel Schneefahrt und Rückkehr zum Wimbachthal
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 I. Die Südliche Watzmannspitze
 Beschreibung einer Tour auf die Südliche, eine Lücke in der Alpenliteratur [1868]

Getrübte Aussicht

Jetzt endlich, nach mehr als sechsstündigem Marsche, legte ich Gepäck und Bergstock zu Boden und streckte mich behaglich auf's Getrümmer hin. Tief, tief unten im Westen sah ich nun vom waldgrünen Ufersaume des Wimbachschuttes das weisse Jägerhäuschen heraufblinken, das ich noch im Dunkel der Nacht verlassen hatte. Ein weiter Weg fürwahr, betrachtet man auch in Luftlinie seinen Ausgangspunkt von dem gewonnenen Ziele aus. Drüben Hochkalter, Hocheisspitze mit ihren unvergleichlich düsteren, scharfgezeichneten Wänden; und noch einen Schritt weiter rückwärts im Aussichtsbilde die Wellenfläche der Reitalm [Reiter Alpe] mit den kühnen Hörnergruppen an ihrem südlichen Rande.

Rasch wurde noch das südliche, östliche und nördliche Panorama gemustert, denn glücklich hatte bis jetzt, in den hohen Vormittag hinein, der Himmel klar sich erhalten, aber allseits flogen schon die Nebelballen aus den Thälern herauf. Die Grenzmauern des Wimbachthals, Alpelhorn, Palfenhorn [Palfelhorn] und Rothleiten, zeigten sich nun als die schroffe Kehrseite eines fast durchweg begrünten Gebirges, das von ihren Zackenscheiteln gegen Süden sich abdacht. Ueber ihm steigen, schon halb mit Nebeln verhüllt, die kalkweissen Gipfel der Loferer Steinberge auf. Mir gerade gegenüber der hochgeschwungene Gipfel des Hundstod in Kreise seiner felsenkahlen Trabanten, welche Teppiche von Schutt und Schnee um seinen Fuss herumbreiten; weiter südlich die endlosen Hügelebenen des Steinernen Meers, vom buschigen Grün in todtes Steingrau und winterliches Weiss verschwimmend; über dem Obersee die Teufelshörner, und höher noch die Uebergossene Alp; im eintönigen Königsseer Gebirge die breiten Rücken des Kahlersbergs und Schneibsteins; als Schlussstein des Felsenrundes der Hohe Göll; gerne kehrt das Auge wieder zurück zum blauen Spiegel des Königssee's, von welchem ein Theil durch den Kleinen Watzmann und die Zacken der Watzmannscharte abgeschnitten wird. Dagegen liegt das grüne, reichbelebte Thal der Berchtesgadener Ache dem Auge wieder offen, Berchtesgaden selbst ist durch die nördliche Spitze verdeckt; ich sollte wohl den Ort gar nicht sehen, wo jetzt jedenfalls schlimm über mich losgezogen wurde. Bald hüllte sich das herrliche Bild in Wolken. Von der weiteren Aussicht auf die Tauern sowie in's Flachland hatte ich ohnehin nichts zu sehen bekommen. Erstere muss bedeutend sein, jedoch vom Hundstod übertroffen werden, da diesem im geraden Süden überhaupt kein Gipfel mehr, und im Südosten das Steinerne Meer mit seiner Randkette weniger hinderlich ist, als der Südlichen Watzmannspitze; letztere wird hinter der Flachlandsaussicht der Nördlichen Spitze zurückstehen, jedoch ebenfalls nach vielen Richtungen hin die bedeutendsten Weiten erreichen. München muss hart rechts neben dem Hochkaltergipfel sichzeigen.

Bald sass ich im dichten Grau, und wenn diese Art von Aussicht unerfreulich genug – im Sommer 1868 allerdings nicht ungewohnt – war, so gewährte es andererseits eine unterhaltende Abwechselung, das stellenweise Lichten des Wolkenschleiers zu beobachten, wie hier und dort ein dunklerer Fleck sich zeigte und an dunkler Intensität immer zunahm, als zöge von dorther ein besonders schweres Gewölke heran, dann plötzlich aus dem zerrissenen Vorhang das Blau des See's oder ein Stück Steinernes Meer hervorschwankte. Im Uebrigen war ich auf die Betrachtung meiner näheren Umgebung angewiesen, und in dieser erregte vor Allem der Anblick der Watzmannscharte und des Kleinen Watzmann von der Kehrseite mein Interesse. Man sieht zu Berchtesgaden die Watzmanngruppe – Grosser und Kleiner Watzmann – als ein Aelternpaar an, und nennt die Zacken, die den oberen Rand der Firnmulde zwischen beiden (der sogenannten Watzmannscharte) umkränzen, die "Watzmannkinder"; ein Vergleich, der für die Aussicht, welche der Watzmann nach Berchtesgaden hin bietet, als ganz zutreffend erscheint, einige Enttäuschung aber hervorruft, wenn man die ganze Gesellschaft in der entgegengesetzten Richtung sich betrachtet. Dann, und noch mehr bei einer Ersteigung des Kleinen Watzmann selbst, wird man zu seinem Erstaunen gewahr, wie hübsch gross diese Kinderchen schon geworden sind, und wie der mittlere Zacken seiner Mutter "Klein-Watzmann" an Höhe nicht sehr viel nachgibt; er mag etwa 150' [50 m] unter dem Scheitel des letzteren liegen. Es ist ein schroffer, thurmartig steil fundamentirter Zahn. Ob er bereits erstiegen worden, ist mir nicht bekannt, man sagt es in Berchtesgaden, doch halte ich nicht viel auf derlei unbestimmte Erzählungen. Vielleicht findet sich einmal ein Liebhaber für ihn; Interesse bietet er für denjenigen, der auf den beiden Spitzen des Grossen und auf dem Kleinen Watzmann gewesen, wohl nicht*). – Die übrigen Zacken, welche aus dem Firnrande der Watzmannscharte nur als unbedeutende Felshöcker hervortreten, stellen von ihrer Südseite sich als stattliche, bis tief in die Wände des Eisthals hinab ihre Körper getrennt haltende Obelisken dar; der Kleine Watzmann tritt als primus inter pares in ähnlicher Gestaltung an's östliche Ende dieser Kette, die aus dem Steilmassive des Gross-Watzmann ziemlich genau unter der Nördlichen Spitze desselben sich ablöst. –

*) {Das größte der Watzmannkinder, die 2270 m hohe "Watzmann-Jungfrau" wurde 1891 (von Purtscheller, Heß und Holzhausen) erstiegen.}

Der Watzmann zählt mit zu den gruppenbeherrschenden Bergen unserer Nördlichen Kalkalpen, derer höchster Scheitel in zwei rivalisirende Spitzen sich theilt: so die Zugspitze, so die Mädelegabel im Algäu. Die Vermessungsangaben entscheiden sich für einen Vorrang der Nördlichen Spitze um ca. 30' [= ca. 10 m] und weisen der Südlichen Spitze die Höhe von 8398' 2728 m. (Keil) zu. [Südspitze = Schönfeldspitze, 2712 m; "Nördliche Spitze" = Mittelspitze, 2713 m.] Leider hatte ich zur Zeit meiner Berchtesgadener Bergwanderungen den Klinometer noch nicht unter die Zahl meiner Ausrüstungsgegenstände aufgenommen. Das verlässige, durch die zahlreichsten Controllbeobachtungen erprobte Instrument, welches ich gegenwärtig besitze und welches u.A. auch die lange schwebende Streitfrage bezüglich der Zugspitzgipfel zu Gunsten des Zugspitzkreuzes entschieden hat, würde auch den Vorrang der einen oder andern Watzmannspitze leicht herausstellen. Für das blosse Augenmass ist das Ergebnis das gewohnte, dass nämlich jeweils der jenseitige, durch eine lufterfüllte Tiefe von dem eigenen Standpunkte getrennte Gipfel als der unzweifelhaft höhere erscheint. –


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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