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Home Einleitung Der Bergwanderer in den Nördlichen Kalkalpen Frühere Versuche, durch Beschreibung etwas Licht über sie zu verbreiten; meine jetzigen Anschauungen und Ziele
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 Einleitung

Wie ich die Berge betrachtete, und wie ich sie fand

Ich trat vor Jahren an die Berge heran, ein Neuling aus der Ebene, behaftet mit allen Vorurtheilen des Volkes im Flachlande, – des Volkes in den Bergen selbst, über die Alpenwelt. Ich sah und entdeckte, – ich suchte und fand, – zögernd wagte ich eins um das Andere, – weil das, was ich vorher gewagt, ein Wagniss nicht gewesen war. – Ich sah die Bäume und Büsche verschwinden, die grüne Decke vom Felsenboden sich streifen, ich sah den Fels, – die Wand nicht, die Thalbewohner in ihm sehen. Ich sah den Weg, der "ohne Führer nicht zu finden", offen vor mir liegen, – ich sah die Pfade und Gänge eng an den steilen Hängen, – die zollbreiten Leisten nicht, an glatter Mauer, wie Buch und Bild sie weisen. Ich stieg hinauf zur Scheitelhöhe des Grats, zum zackigen Firste und überkletterte seine Zähne, – die bretterdünne Schneide sah ich nicht, über welche nach Seiltänzer-Art der Bergsteiger balanciren solle. Und ich stand auf der Gipfelzinne, die allein zu gehen für Wahnsinn galt, – einige Stunden lang war ich aufwärts gestiegen, hatte jeweils einige hundert Schritte weit meine Weglinie überlegt im Voraus bestimmt, – sonst Nichts . . . . Das also war des Pudels Kern! – Das sind die Berge, das ist Bergsteigerei! – – Und rasch entwickelte sich das neue Treiben; brauchte ich anfänglich keine Führer auf Hochgebirgsfahrten, zu welchen andere solcher bedürfen*), so ging ich bald auch auf Höhen, welche die Führer, die zünftigen wenigstens, nicht zu betreten wagen. Ich durchstreifte Gebirge, in welchen man vergeblich nach Führern fragt, – ich erstieg Gipfel, deren Namen man in den umliegenden Thälern nicht kennt. Den Eingeborenen der Alpen, den Jägern und Hirten, mochte ich neue Pfade lehren und von dem Gemswild liess ich die meinigen mir weisen. –

*) Ich verkenne keineswegs den Nutzen eines Führers, wenn man einen solchen findet für einen Gipfel, welchen aus eigener Wahl man betreten will. Aber das Verhältniss liegt in unseren Nördlichen Kalkalpen regelmässig so, dass man nur für jene Gipfel Führer erhält, welche häufig besucht werden, auf welche daher ein geübter Steiger keinen braucht; und für die selten oder gar nicht betretenen Zinnen finden sich auch keine Führer. Wer die Seiten dieses Buches durchblättert, wird finden, dass, wenn von mir die Rede geht, ich nähme nie einen Führer, diess cum grano salis zu verstehen sei. Ich will auf jeden Gipfel gehen, halte sehr viele von meinen Zielen für ohne jegliche Begleitung erreichbar, und wo ich eine solche wünschte, da finde ich meistens keinen Führer und gehe desshalb allein. Zweck der Alpendurchwanderung und thatsächlicher Nothstand hat mich zum selbständigen Bergsteiger weit mehr herangebildet, als die Sucht nach dem Rufe "Ich brauche keinen Führer".


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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