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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 Einleitung

Parallele zwischen den Gletschergebirgen und den Nördlichen Kalkalpen. Das Rangverhältnis beider.

Die Nördlichen Kalkalpen, den deutschen Landen am nächsten gelegen, in ihrem Gesammtverlaufe die Mark des wiedererstandenen Reiches bezeichnend, sie sind jenes unbestellte Feld alpiner Forschung, sie sind es, welche die alpine Welt nicht kennt, – zu ihrem grösseren Theile auch nicht kennen will. – Wer Felsengebirge und Gletscher überwandert hat, der weiss den Vorrang der letzten, was touristische Interessen anlangt, zu würdigen. Da geht es stundenlang dahin über die geebnete Fläche in einer Steigung, die kaum fühlbarer, als die einer gewöhnlichen Strasse sich macht; da liegen Thal und Gipfel offen, frei, allüberall kann der geübte Blick den Weg erspähen nach dem Ziele – er könnte es wenigstens, doch braucht er's nicht, leitet den Bergreisenden ja doch des Führers sicherer Fuss, gleich bewährt auf bekannten und unbekannten Firnen. Und wächst die Steile, heben die Eisplanken sich gegen den Grat, brechen die Schrofen aus der Schneedecke heraus, – müht sich der Fuss auf seiner Bahn, so geschieht's, ein hohes und meistens dann schon nahes Ziel zu gewinnen. Fassbar ist der Grund der Plage und ihr winkt gar bald ein herrlicher Lohn.

Wie anders im Felsgebirge – in Kalkbergen vor Allen! – Tief im Walde beginnt die Wanderung, verborgen kreuzen sich die Pfade, verlieren sich an struppigen Gehängen der Thäler und Schluchten. Glücklich schon preist sich der Wanderer, sieht er keinen Baumwipfel mehr über sich emporragen, zehnfach glücklich, hat er der Legföhren schwarzgrüne Dickung unter sich und hat diese Zone durchschritten, ohne im undurchdringlichen Gefilze von rechter Fährte abzukommen.

Stundenlange wohl währt der Marsch, bis dass die Freie der Bergeshöhen die Brust weitet, Ausblicke in schöne Fernen den Sinn erheitern, die ermattenen Kräfte spornen, noch Schöneres sich zu erringen. Das Pflanzenkleid erstirbt, die Oede des Hochgebirges breitet sich umher, die Gipfel recken sich aus ihren Kämmen. Kein Gletscherstrom nimmt den Ankömmling auf, mit seinen funkelnden, starren Wogen, mit seinen Seracs und azurschimmernden Eisgrotten; kalkweiss dehnt sich der Schotter des Kars an den Fuss der Mauern, von seinem Boden strahlt sengend das Sonnenlicht zurück, in seinen Geröllen versiegen die Gewässer; mühselig arbeitet der Tritt sich aufwärts in weichenden Geschiebe, bis endlich, endlich er den Felsen fasst, den Gipfel berührt, und rascher empordringt, auf festem Boden, – nach langen Umherschweifen geradenwegs zum Ziel. – Und wer hilft ihm diess Ziel gewinnen? Wer sichert den Bergwanderer an engstufiger Wand, auf abschüssiger Platte? Schlingt das Seil sich ihm um den Leib, angelegt dort, wo es sein soll und beibehalten dort, wo es nicht mehr sein sollte? – Vermag er, vermag sein Führer den Pickel in den Fels zu schmettern, Halt zu finden oder zu schaffen da, wo Natur ihn versagt?


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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