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Home XIV. Das Hohe Brandjoch bei Innsbruck Die Karwendelgruppe: ihre Erscheinung und Begrenzung; Theilung des Stoffs: touristisch, nicht orographisch Fahrt nach Innsbruck [1870]
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XIV. Das Hohe Brandjoch bei Innsbruck

Die Brandjoch-Solsteingruppe

Die bis zu ihren Scheiteln hinauf begrünten Gipfel, welche in die Strassen Innsbrucks hineinschauen und eben dieses Mangels an Zacken und schroffen Felspartieen wegen meist in ihrem Frühjahrsschneekleide zur photographischen Aufnahme herhalten müssen, mit der geradlinig abgezeichneten Schneegrenze dann aber noch weit schäbiger aussehen, – die Reihe all' der Kuppen und dreieckigen Gipfel, Manndelspitz, Hafelekarspitz, Seegruben- und Sattelspitzen, sie endet im Westen mit starker Senkung zu tiefem Gebirgseinschnitte, in welchem der allen Besuchern des Innthales wohlbekannte Zahn "Frau Hütt" [Frau Hitt] steht. Geradlinig erhebt sich weiter westwärts ein felsiger Grat zu mächtiger Höhe, und bildet einen würdigen Schlussstein im Südwesten der grossen Kalkalpen-Gruppe im Norden des Inn. Drei Gipfel ersten Ranges und zwei untergeordneten, im Osten wie im Westen gleichsam Schultern des gewaltigen Felsenkörpers bildend, zieren seinen Scheitel; kahle Steilwände stürzen von ihm nieder auf den Grund schneeerfüllter Kessel und Kare, starke Zweigkämme scheiden die einzelnen Mulden und die grasreichen Becken der Mittelzone des Gebirges. Im äussersten Osten steht das ungleiche Paar der Hohen Brandjochspitzen, ein kleiner, stumpfer Kegel am Endpunkte des vom Frau-Hütt-Sattel [Frau-Hitt-Sattel] heraufziehenden Grates, ein grösserer, gebogener Zacken westlich davon. Ein bedeutender Seitenkamm, von ersterem abzweigend und gegen das Innthal sich herabsenkend, über welchem er die bewaldete Kuppe des Achselkopfes bildet, schliesst mit dem östlich ihm gegenüber stehenden Ausläufer der Seegrubenspitzen das weite Becken der Höttinger Alpe ein, in welchem zahllose Wasseradern sich sammeln, als tiefe Felsgräben in die Gebirgsflanke einschneiden und endlich vereinigt das aufgeschüttete Mittelgebirge im Norden Innsbrucks durchbrechen. Dieser Bergrücken führt den Namen Brandjoch – zur Unterscheidung von dem gleichnamigen Kamme, welcher das Manndel- vom Gleirschthale trennt, wohl auch Hohes Brandjoch; die Spitzen, an welchen er den Grat berührt, werden dem entsprechend als Hohe Brandjochspitzen bezeichnet (7868' 2558 m. und 7997' 2599 m. Kataster); ihrer Lage nach genau über der Gemeinde Hötting wegen werden sie wohl auch mit dem Namen Höttinger Solstein belegt, und in der That correspondirt auch ihre Struktur in ziemlich vielen Einzelheiten mit jener der beiden wirklichen Solsteine am Westende der ganzen Gruppe.

Die Mitte des Scheitelgrates nimmt der niedrigste unter den drei Hauptgipfeln ein, die Hohe Warte (ca. 7970' 2589 m.), eine glockenförmige, felsenkahle Gestalt; im Westen derselben erhebt sich mit gewaltigem, zuletzt fast senkrechtem Aufschwunge der Grat zu seinem Culminationspunkte, dem Kleinen Solstein (8114' 2636 m. Kataster); er bildet einen unregelmässig trapezförmigen Felskamm, dessen Gipfelgrat, nordwärts ausgebaucht, kraterartig im Halbbogen eine hochgelegene, südwärts sich abtiefende Schuttmulde umspannt, nordwärts dagegen zu bedeutender Tiefe lothrecht abstürzt; an seinen beiden Eckpunkten besitzt derselbe seine bedeutendsten Erhebungen, und zwar in der östlichen derselben seinen eigentlichen Gipfelpunkt. Seine an sich breite Gestalt verändert sich, in der Richtung ihrer geringsten Dicke, von Osten oder Westen aus gesehen, zu einer äusserst schlanken, bald obelisken-, bald rundköpfig-kegelförmigen Felssäule, immer aber mit senkrechtem Absturze gegen Norden.

Vom Westfusse des Kleinen Solstein ab nimmt ein hügeliges Hochplateau den Scheitel des Gebirges ein, und aus diesem erhebt sich mit kurzem, geradlinig gegen Nordwest ansteigenden Kamme das breite Haupt des Grossen Solstein (7804' 2535 m. Pfaundler) *); ein flacher Sattel verbindet ihn mit einer ähnlich gestalteten, niedrigeren Randkuppe im Süden und verleiht dem ganzen Bergkörper die schöne wellige Form, in welcher er sich dem Innthale bei Zirl zeigt. Die sanfte Nordwestabdachung fusst auf dem Scheitelsattel zwischen dem bei Zirl in den Inn mündenden Ehebach- und dem zum Wassergebiete des Gleirschthales gehörigen Zirler Christenthale; die Südwestkante senkt sich zum breiten Sattel der Zirler Mähder herab und verbindet dadurch mit dem Massive des Solstein den Höhenberg, dessen gewaltig schroffer Absturz mit der bekannten Grotte in der Martinswand die Innthaler Strasse zwischen Zirl und Kranabitten [Kranebitten] beherrscht.

*) Pfaundler, einige Höhenmessungen im Gleirsch und Hinterauthale, publicirt in der Zeitschrift des Ferdinandeums zu Innsbruck.

Den Namen "Grosser Solstein" scheint dem Berge seine breite, imponirende Gestalt eingetragen zu haben, welcher der eigentliche Gipfel, der Kleine Solstein, gleichsam als spitzer Hut erst aufgesetzt erscheint. Ein Irrthum über die relative Höhe beider ist auch innerhalb des beschränkten Verständnisses der einheimischen Bevölkerung, unter welcher die unterscheidende Benennung entstand und noch heutigen Tages gebräuchlich ist, nicht wohl denkbar.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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