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Home XVIII. Die Falken in der Riss Das Neuner-Wirthshaus in Hinter-Riss [1870] Die südnördlichen Querketten in der Karwendel-Gruppe
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XVIII. Die Falken in der Riss

Erkundigungen und Recognoscirungen bezüglich des Falken-Gebirges

Ich quartierte mich beim "Neuner"*) ein und hatte alle Ursache zur Zufriedenheit mit dem Aufenthaltsorte, der während 17 Tagen, oder vielmehr während der Schlecht-Wetter-Intervalle dieses Zeitraumes mich beherbergte. Nicht materielle Genüsse allein, sondern auch freundliche Aufmerksamkeit der Wirthsleute auf die verschiedenartigen kleinen Bedürfnisse eines Bergwanderers lassen mich das Neuner-Wirthshaus in der Riss in bestem Andenken behalten.

*) Neunerwirthshaus 2963' 962 m. Sendtner.

Bereits am Abende meiner Ankunft trag ich mit dem herzoglich coburgischen Oberjäger, Herrn Rieser, zusammen, welchem ich manchen schätzbaren Rath und Aufschluss über das Gebirge der Riss und seine Ersteigungen verdanke, und erfuhr von ihm auch bereits einiges Nähere über die Falken; dass der auf den Karten gemachte Unterschied zwischen einem Grossen und Kleinen Falken sich auf den Sprachgebrauch in der Riss gründe, der jedoch in höchst schwankender Weise den jeweils sichtbaren höchsten Punkt des Falkengebirges als den Grossen, und irgend einen anderen hervorragenden Punkt als den Kleinen Falken bezeichne, – sei letzterer nun ein Nebengipfel des ersteren, oder der zweite, vielleicht blos scheinbar niedrigere Hauptgipfel, oder aber der, entschieden niedrigere Spitz, welcher im Falkenkamme südlich der beiden Hauptgipfel stehe, und den ich bei Durchwanderung des Johannesthales bald werde zu sehen bekommen. Er selbst getraue sich nicht, zwischen den beiden Hauptgipfeln des Falkengebirges den Höhenvorrang zu entscheiden; und er hatte darin ganz recht, es existirt in der That nur eine höchst unbedeutende Differenz zwischen ihnen.

Ihre Besteigung anlangend, glaubte er, von einer solchen des östlichen Gipfels bereits gehört zu haben, dieselbe sei aus dem Laliderer Thale ausgeführt worden; auf den westlichen Falken, welcher die Hinterriss beherrscht, sei seines Wissens noch Niemand gekommen, und gelte das Erklimmen dieses blanken Felskegels auch allgemein für unmöglich. Nun, es war noch nicht gar lange her, dass mir die Lamsenspitze zum Opfer gefallen war, und ich fühlte mich durch die in Aussicht gestellte Unmöglichkeit nicht sonderlich beunruhigt; hielt es jedoch immerhin für besser, erst eine Recognoscirung des angeblich Unerreichbaren vorzunehmen, und machte mich daher am folgenden Morgen, der ganz unerwartet schönes Wetter brachte, auf den Weg nach der Hochalpe, um einen der leicht besteigbaren Gipfel in der östlichen Karwendelkette zu gewinnen.

Um 7 Uhr 40 Min. Vormittags aufbrechend, hatte ich um 1 Uhr 25 Min. den Scheitel jenes breit dreiecksförmigen, mit geradflächigem Schuttgehänge vom Sattel der Hochalpe gen Norden aufsteigenden Berges gewonnen, in welchem ich den Karwendelspitz zu finden glaubte, letzteren dagegen im Westen mir gegenüber sah und in ihm unschwer den Culminationspunkt der Osthälfte der Karwendelkette erkannte; ich selbst befand mich auf dem Grubenkarspitz*), einem immerhin ebenfalls des Besuches werthen Punkte. Seine Nachbarn sollten am folgeden Tage erstiegen werden, ein plötzlicher Umschlag des Wetters liess sie jedoch noch einige Tage auf mich warten. Die Falken hatte ich gesehen; vorerst nur von der Westseite, die allerdings für den westlichen Gipfel, den Falken der Riss, geringe Hoffnung auf Erfolg gab. Den östliche Gipfel hatte ich, durch den Hauptgrat des Falkengebirges verdeckt, nur theilweise zu Gesichte bekommen, und was ich davon gesehen, war einer Ersteigung ziemlich missgünstig. Als daher nach einem Regentage der Himmel sich aufhellte, beschloss ich, durch vorherige Ersteigung des Gamsjoches**) zwischen dem Laliderer und dem Engthale noch eine Recognoscirung von der Ostseite vorzunehmen, dann aber direct dem Falken selbst zu Leibe zu rücken.

*) Näheres über diesen Gipfel s. im folgenden Capitel und der demselben beigefügten Skizze. Dieser Grubenkarspitz der Karwendel-Kette ist selbstverständlich ein anderer, als der Grubenkarspitz im Rossloch, am Knotenpunkte der Hinterauthaler- und Vomper Kette.
**) Die von Trinker für dasselbe angegebene Höhe von 7431' 2414 m. darf wohl mit Entschiedenheit als zu niedrig bezeichnet werden. Es besteht mir kaum ein Zweifel darüber, dass das Gamsjoch dem Sonnjoch an Höhe vollkommen ebenbürtig ist, eher noch etwas höher ist, als letzteres. Leider steht mir infolge Nebels bei Besuch beider Gipfel keine Klinometer-Visur zu Gebote, um den ausgesprochenen Zweifel zu belegen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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