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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XVIII. Die Falken in der Riss

Tiroler Alpleben

In den Mittags- und Nachmittagsstunden dieses Tages erstieg ich das Gamsjoch, sass auf seinem Gipfel eine Stunde lang im dicksten Nebel und kehrte unverrichteter Dinge wieder zurück; die beabsichtige Recognoscirung der Falken war gänzlich missglückt. Abends war ich zurück auf der Laliderer Alpe und bezog dort Nachtquartier; bei Sonnenuntergang hellte der Himmel sich wieder auf. Gamsjoch und Falken brachen durch die Wolken – ich hatte das Nachsehen. Auch die Zinnen des Rosslochs streiften ihre Hülle ab und aus ihren innersten Klüften rauchten die Nebel hinweg. Sterne schimmerten durch ihre Scharten. Auf den Alpgruenden fanden sich die Hirsche zur abendlichen Aesung ein und zogen am Fusse der Trümmerhalden dahin, wenn sie eines lästigen Beobachters gewahr wurden. Am prasselnden Feuer wurde das Abendmahl, eine mächtige Pfanne voll Muss bereitet. Seiner gemeinschaftlichen Verzehrung, an welcher auch ich mit grossem Appetite mich betheiligte, folgte der unvermeidliche Rosenkranz der Hirten, in den erbaulichsten Attitüden der Betenden, von welchen der respondirende Theil das vom Vorbeter begonnene Ave Maria vollendete, während letzterer bereits wieder ein neues begann und mit jenen ziemlich gleichzeitig damit fertig wurde, so dass für Zeitersparniss förderlichste Sorge getragen war; ob die Tiroler Hirten, bei welchen diese Geschäftsvereinfachung durchaus gebräuch ist, dabei dem Grundsatze "Zeit ist Geld" huldigen, weiss ich nicht zu sagen.

Mit dem Essen und Beten dauerte es denn auch lange genug, bis ich dazu kam, einige Erkundigungen über die Falken-Gipfel bei ihnen einzuziehen; viel erfuhr ich auch hier nicht, doch wurde mir gesagt, dass der Grosse Falk (d. h. in diesem Falle der Oestliche) von Edelweiss-Suchern bereits erstiegen worden sei. Von jenem Falken, der "dahinter stehe" (dem Westlichen nämlich), wussten sie nichts. Ich gedachte somit am folgenden Tage vorerst den Oestlichen mir anzusehen und den starren Kegel im Westen noch von dieser letzten Seite zu betrachten, bevor ich bezüglich seiner einen definitiven Entschluss fasste.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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