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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XVIII. Die Falken in der Riss

Die Gemsen wissen noch einen zweiten Falken-Weg

Ich zog die Uhr: 10 Uhr 55 Min. – eine unerwartet kurze Zeit für diese Ersteigung; nicht volle 4 Stunden von Ladiz aus, nur 40 Min. zum Erklettern des mächtigen Gipfelkegels*) verwendet. Freilich unter guter Führung des zeitraubenden Suchens überhoben. Und wo waren sie nun, die Gemsen, die dienstbefliessenen, und zuletzt noch gefürchteten? – Fort, dahin, keine Spur von ihnen zu erblicken – oder vielmehr doch mancherlei Spuren, sie hatten nicht verfehlt, dem nachkommenden Besuche ihre unästhetischen Visitenkarten zu hinterlassen. Sie mussten – es blieb keiner anderen Vermuthung Raum, an der Nordseite des Kegels wieder hinunter gesprungen sein. Dort sah ich auch auf grünem Platze, wohl mehr denn tausend Fuss [300 m] tiefer unter mir, ein paar Thiere friedlich lagern – sie mochten wohl zu jenem Rudel gehören. Das Gewände dort hinab sieht in der That nicht so gar schlimm sich an, wie sein Anblick von der Riss aus diess vermuthen lassen möchte. Es liesse sich wohl auch von dort her ein Zugang nach dem Falken finden!

*) Die absolute Höhe des Westlichen Falken wäre, die des Oestlichen nach dem Kataster zu 7600' angenommen, auf ca. 7580' 2462 m. zu schätzen.

Der Gipfelraum ist von beträchtlicher Breite und springt mit fast horizontalem Rücken ungefähr 50 Schritte weit gegen das Johannesthal vor; gegen Süden vertieft er sich zu flacher Mulde, von deren Saum die riesige Steilwand zur grünen Rinne hinabstürzt. Nordwärts zweigt der zackengespickte Grat gegen die Riss sich ab, auf dessen äusserstem, gerundeten Felkopfe eine Signalstange zu erblicken ist. Sie hätte wohl besser auf dem Haupte des Falken ihren Platz gefunden. – Im Osten erhebt sich die dunkle Felsmasse des Laliderer Falken, mit seiner durchscharteten Gipfelkuppe, seinen nadelstarrenden Nebengipfeln; dort drüben stand ich vor 24 Stunden und betrachtete mir zweifelden Auges den Zwillingsbruder; nun kannte ich auch ihn und vermochte mein Paare dahin abzugeben, dass beide Falken, wie (nahezu) an Höhe, so auch an Länge des Weges und an Schwierigkeit der Besteigung sich völlig gleich stehen. Ein gewandter, rüstiger Bergsteiger, mit genügender Kenntniss der einschlagenden Wege ausgestattet, könnte leichtlich die beiden Hauptgipfel des Falken-Gebirges (und natürlich auch den Südlichen Falkenspitz) an Einem Tage ersteigen, von Ladiz ausgehend und nach Laliders absteigend oder umgekehrt.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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